Sie tricksten und logen, und die Behörden bekamen nichts mit: Wie Eltern ihre Kinder am staatlichen Schulsystem vorbei unterrichten ließen.
Alfred Putzka ist ein gebranntes Kind. Der Physiker ging nicht gern zur Schule. Erst an der Universität startete er durch. Mittlerweile ist der Bremer selbstständiger Umweltphysiker. Seinen beiden Söhnen, sechs und sieben Jahre alt, wollte der 49-Jährige eine ähnlich negative Schulerfahrung ersparen. Deswegen schickte er seinen ältesten Sohn in die "Kinderschule" - und hätte es wohl auch mit seinem jüngeren getan, wenn die nicht im Frühjahr geschlossen worden wäre.
Die Bremer "Kinderschule" hat es jetzt, ein halbes Jahr nach ihrer Auflösung, in die bundesweiten Schlagzeilen geschafft. Sie war das Projekt engagierter Eltern, die meisten Akademiker, die für ihre Kinder eine andere Schule wollten. Kinder verschiedenen Alters sollten zusammen lernen mit Entspannungsphasen und ohne Lerndruck.
Doch die "Kinderschule" war illegal. Knapp 30 Jahre lang wurde ohne Erlaubnis Schreiben, Rechnen und Lesen gelehrt. Mehr als 300 Kinder sollen unterrichtet worden sein - angeblich ohne dass die Schulbehörde es merkte. Die Absolventen gingen anschließend mit gefälschten Papieren auf weiterführende Schulen und fielen nicht auf.
Erst als Schülerdaten und Melderegister per Computer verglichen wurden, fiel der Schwindel im vergangenen Jahr auf. Etwa zeitgleich stellten die Eltern einen Antrag, um die Schule zu legalisieren. Dies wurde abgelehnt, die Schule im Mai abgewickelt, ihre Schüler an anerkannte Schulen übergeben. Das alles wurde erst jetzt bekannt, angeblich weil die Schulbehörde die Kinder schützen wollte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass im Mai in Bremen Bürgerschaftswahlen anstanden.
Am Körnerwall 6 im Bremer Stadtteil "Viertel" erinnert vieles an die Welt aus Astrid Lindgrens Büchern. Die Villa, in der die Vereinsräume, die Kindertagesstätte und die Schule sind, ist allerdings weiß und nicht kunterbunt. Das Quartier liegt zwischen Innenstadt und Weserstadion. Cafés, liebevoll restaurierte Bremer Häuser mit Wintergärten, Bioläden und Restaurants bestimmen das Bild. Intakte Familien leben hier, gut verdienende Singles und Studenten. Es ist urban, aber das Gegenteil einer anonymen Siedlung. Dass niemand gewusst haben soll, dass im Schatten des Kindergartens "Picobello" nicht alles in Ordnung war, fällt schwer zu glauben.
Auch Uwe Lange glaubt das nicht. Der Geschäftsführer eines Beschäftigungsträgers hatte seine Töchter Paula, 11, und Maj, 9, auf die "Kinderschule" geschickt. Inzwischen sind beide gute Schülerinnen an anderen Schulen. "Das war eine normale Schule", sagt der 54-Jährige. Und das hätten auch viele gewusst, wenn auch vielleicht nicht im "vollen Umfang".
Grundidee war das jahrgangsübergreifende Lernen. Es gab eine gemeinsame erste und zweite Klasse, eine gemeinsame dritte und vierte und den Kindergarten Picobello. Jeden Morgen ging es um halb neun los, um halb eins gab es Mittagessen und dann noch mal eine Einheit bis halb drei. Eine hauptamtliche Lehrerin und zwei oder drei Bezugspersonen hätten sich um die insgesamt 25 Kinder gekümmert, erzählt Uwe Lange. Jeden Freitag gab es dann Mädchen- und Jungenunterricht. Wer "schulmüde" gewesen sei, durfte sich bei den Picobello-Kindergartenkindern entspannen. Dazu wurden Projekte angeboten, wie das "Heimbüttel", in dem die Kinder ein Gemeinwesen simulierten mit Steuereintreibern, Geschäften und Dienstleistern und einer eigenen Währung namens "Heimchen".
Die Eltern, die Essen kochten, die Lehrerin bezahlten und die Betreuer engagierten, bezeichnen sich selbst als "typische Viertel-Eltern". Sie haben studiert, sind alternativ, aber eher liberal. Und belogen manchmal die Behörden. Bei der Anmeldung an einer weiterführenden Schule sagte Uwe Lange etwa, dass seine Tochter an einer Privatschule gewesen sei. Nachfragen habe es nicht gegeben. Und so lief das wohl in den meisten Fällen ab.
"Die haben sich viel Mühe gegeben und eine gute Schule betrieben", sagt Robert Bücking. Er ist grüner Bürgermeister des Viertels. Auch Bücking behauptet, er habe erst jetzt von der Existenz erfahren. Karla Götz ist die Sprecherin der Bildungssenatorin. Sie beschreibt die Eltern als Menschen mit "einem etwas anderen Staatsverständnis".
Das klingt alternativ und nach 68er-Romantik. So war es wohl auch, als sich vor fast 30 Jahren erste Eltern zusammentaten. Wer genau damals dabei war, wissen selbst Putzka und Lange heute nicht mehr. Wenn die Kinder auf weiterführende Schulen gingen, engagierten sich auch bald die dazugehörenden Eltern nicht mehr, die Eltern der nachrückenden Kinder übernahmen. Das Prinzip funktionierte, weil die Eltern behaupteten, sie hätten ihre Kinder im benachbarten Niedersachsen auf einer Privatschule angemeldet. Um sie auf einer der weiterführenden Schule in Bremen unterzubringen, wurden sie dann wieder umgemeldet.
Vor 14 Jahren spaltete sich jedoch ein Teil der Eltern ab - aus Angst, das illegale Treiben könnte auffliegen. Sie erreichten, dass an anderer Stelle die staatliche Modellschule "Auf der Hohwisch" entstand. Die übrigen machten mit der "Kinderschule" weiter. Zuletzt sollen 40 Eltern beteiligt gewesen sein. Vor eineinhalb Jahren gründeten sie den Verein "Freie Schule Bremen", der die Trägerschaft der Schule übernahm. Putzka ist Vorsitzender dieses Vereins, der jetzt dafür kämpft, dass die "Kinderschule" doch noch eine staatlich anerkannte Ersatzschule wird. Denn sie wollten etwas, was in vielen anderen Ländern üblich sei: die Freiheit, eigene pädagogische Modelle für ihre Kinder umzusetzen, sagt Alfred Putzka. In Deutschland tun sich Behörden damit jedoch schwer. Es gibt die Schulpflicht, und Schulen in privater Trägerschaft müssen strenge Anforderungen erfüllen.
In Bremen wird die Angelegenheit nun auch ein politisches Nachspiel haben. Claas Rohmeyer ist bildungspolitischer Sprecher der Bremer CDU-Fraktion und fühlt sich von der Behörde "verschaukelt". Zwar habe der damalige Bildungssenator Willi Lemke (SPD) ihm Anfang des Jahres zu Zeiten der Großen Koalition gesagt, dass im Zuge eines Datenabgleichs Eltern aufgefallen seien, die sich der Schulpflicht entzogen hätten. Doch dass es sich um eine ganze Schule handelte, habe er nicht gesagt. Auch die Abwicklung der Schule kritisiert Claas Rohmeyer.
Denn ertappte Eltern und Behörde setzten sich im Mai zusammen, um die verbliebenen acht Kinder auf reguläre Schulen zu verteilen. Den Eltern wurde ein Bußgeld in Höhe von je 200 Euro aufgebrummt. Claas Rohmeyer hält das für falsch: "Wir signalisieren hier womöglich anderen, dass man sein Kind für diese Summe von der Schulpflicht freikaufen kann."
Mitarbeit: Birgitta vom Lehn
Welt am Sonntag, 14. Oktober 2007