Dienstag, 18. September 2007

Die invertierte Auschwitzkeule

Ein Buch ist in die Schlagzeilen geraten: Der Titel die "Israel-Lobby" der beiden US-amerikanischen Politikwissenschaftler John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt. Auch und gerade in Deutschland ist die Debatte darum, inwieweit es antisemitisch ist, in vollem Gange.

Gedankenspiel: In einer Debatte um Jugendkultur in Ostdeutschland darf der Begriff „rechtsradikal“ nicht benutzt werden. Wer nicht gerade Ortsvorsteher einer sächsischen Kleinstadt ist, dürfte das wohl absurd finden. Oder wie wäre es damit, in Zukunft in Aufsätzen und Reden zu den Zuständen in der Sowjetunion bis in die 60er Jahre den Begriff „Stalinismus“ zu verbieten – oder vielleicht in Stasi-Diskussionen. Ebenfalls absurd? Auch das dürfte eine satte Mehrheit so empfinden.

Man sagt, was man meint und man meint, was man sagt. Doch ein Begriff ist mit einem informellen Tabu belegt. Seine Benutzung wird zwar von Staats wegen nicht juristisch geahndet – wohl aber häufig in Zivilprozessen. Wer noch ernst genommen werden will, kann ihn kaum noch verwenden: „Antisemitismus“.

Antisemitismus ist ein Totschlagargument – aber nicht im Sinne der so genannten „Auschwitz-Keule“, sondern in deren Umdrehung. Das Herausarbeiten antisemitischer Denkmuster, Argumentationen und Motive ist deshalb so schwierig, weil Antisemitismus fast nur noch mit der Shoah verbunden wird. Dabei gehört er zur westlichen Kulturgeschichte und hat sich dabei immer wieder gewandelt: vom religiös motivierten Antijudaismus über den Antisemitismus völkischer oder rassischer Prägung bis hin zum Antizionismus, der eine Vielzahl der antisemitischen Klischees auf Israel münzt.

Antisemit zu sein, war vor dem Nationalsozialismus in etwa so spektakulär wie eine heutige Mitgliedschaft bei Hannover 96 und hatte eben noch keine Verbindung zu Massenmord und Rassegesetzen.Wer diesen noch nicht NS-monopolisierten Antisemitismus kennen lernen will, lese in Walter Boehlichs Briefesammlung „Der Berliner Antisemitismusstreit“: „Die Juden sind unser Unglück“, sprudelt es aus dem hochgeachteten Gelehrten und Hochschulprofessor Heinrich von Treitschke Ende der 1870er Jahre heraus. Ohne Scheu beharken sich im Gefolge öffentlich eine Hand voll Antisemiten und ein paar Nicht-Antisemiten und befassen sich mit den Juden, bevor sechzig Jahre später am Wannsee die „Endlösung der Judenfrage“ handfest angegangen werden sollte. Angst um seine Reputation musste keiner der Antisemiten haben. Dass dieser Tage im gutbürgerlichen Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf ein Streit um die Umbenennung der Treitschkestraße tobt und seit Jahren nicht zur Ruhe kommt, wirft auch ein Licht auf das Heute.

Warum sollte der große Baustein von Volkes Seele, der Antisemitismus heißt, einfach nicht mehr da sein? „Neo-Biedermeier“ geistert als Epochenbegriff gerade durch das schicke Berlin-Mitte. Darf es dabei nicht auch eine Portion Antisemitismus sein? 1945 wurden die NSDAP, KdF und die HJ entsorgt – aber doch nicht die Begeisterung für Massenbewegungen, Club-Urlaub und männerbündlerisches Gehabe unter Halbstarken. Warum sollte also der Antisemitismus tot sein oder nur noch von ein paar volltrunkenen Deppen in der Sächsischen Schweiz gepflegt werden, die sich keinen Club-Urlaub leisten können?Er lebt, man darf ihn nur nicht mehr so nennen.

Beispiel Stephen Walt und John Mearsheimer: Dass nicht sein kann, was nicht sein darf, dass nämlich zwei Forscher, die gerade einen Bestseller in die Regale geschoben haben, mit eben jenem Werk ein antisemitisches Compendium fabriziert haben, zeigt das mediale Echo auf eben jenes Buch „Die Israel-Lobby“. Beispiel Robert Misik in der taz: Im Gespräch mit Historiker Tony Judt, der bis heute sinistre Gestalten dahinter vermutet, dass er mal einen Vortrag nicht halten konnte, fragt er den sofort, ob denn jenes Buch eine „antisemitische Verschwörungstheorie“ sei. Antwort Judt: „Nein, ganz und gar nicht.“ Gut, dass wir drüber geredet haben. Danach kann der den wenigen, die es wirklich wagten, das Buch als antisemitisch zu bezeichnen noch attestieren, dass sie schon vorher gewusst hätten, was sie schreiben wollen.

„Anti-Ismus“ schreibt Josef Joffe in seiner Besprechung der „Israel-Lobby“ und bestätigt damit genau das Tabu, was er irgendwie bricht und irgendwie unangetastet lässt. Der Zeit-Herausgeber argumentiert und kommt zu dem Schluss, dass strukturell der Tatbestand des Antisemitismus erfüllt sei. Er schreibt es nur nicht.

Alan Posener wiederum sagt es, nämlich im Deutschlandfunk, entschuldigt sich aber sogleich dafür, indem er sich bezichtigt, unfair zu sein. Viele Monate zuvor bezeichnete Posener NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers mal als „gemeingefährlich naiv“ – freilich ohne Entschuldigung. Warum auch? Poseners Argumentation war so schlüssig wie die in Sachen Lobby.

Und auch Joffe ist sonst nicht bekannt dafür, passende Ausdrücke nicht parat zu haben. Das Gegenteil ist richtig.

Andere halten sich gar nicht mehr damit auf, der Frage nachzugehen, ob dieses Buch antisemitisch sein kann. Tenor der meisten Besprechungen: Walt/Mearsheimer stoßen eine überfällige Debatte an – so als habe noch nie irgendwo jemand was zu einer Israel-Lobby gesagt.

Antisemitismus ist ohne Nationalsozialismus in Deutschland nicht mehr denkbar. Antisemiten sind, so hat es den Anschein, höchstens noch ein paar Neonazis. Auch deswegen ist Henryk M. Broders „Ewiger Antisemit“ ein ewiger Skandal. „Linker Antisemit“ oder „nicht rechter Antisemit“ klingt für die meisten noch absurder als „freundliches Berlin“.

Es fehlt also ein Begriff, um ein wesentliches Gefühl, ein massives Ressentiment und eine vorhandene Strömung zu beschreiben. Mit der Beseitigung des Begriffs scheint das Problem entsorgt. Rechtfertigen müssen sich die, die auf latente oder manifeste Judenfeindschaft als Antisemitismus hinweisen und nicht die, die sich antisemitisch äußern. Martin Walser, Jürgen Möllemann und Jamal Karsli lassen grüßen. Ein Mechanismus wurde zur Strategie. Das lustvolle Brechen eines vermeintlichen Tabus mit anschließender Opferselbststilisierung. Bezeichnend, dass es fast immer Juden sind, meistens der Zentralrat, die antisemitische Einlassungen als solche kritisieren. Denn stört es die Mehrheit noch? Nein!

Die ist nämlich damit beschäftigt, Persilscheine auszustellen, wie Jörg Häntzschel in der Süddeutschen Zeitung. Die Washington Post schrieb „Ja, es ist antisemitsch“ zum Buch der beiden Forscher. Für Häntzschel ist das „polemisch“. Und Anti-Defamation-League-Chef Abraham Foxmann darf sich anhören, dass sein Vorwurf des Antisemitismus’ „schrill“ sei.

„Invertierte Auschwitzkeule“ könnte man dieses Spielchen nennen. Und so wird eben vom vermeintlichen Tabu der Kritik an Israel oder dem Zentralrat der Juden fantasiert und man bestätigt sich selbst – ob bewusst oder nicht.

Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul während des Libanon-Kriegs 2006 oder die Bischofsdelegation aus Deutschland, die neulich Israel besuchte, nutzten genau diesen Mechanismus.Wer soll das noch erklären können? Antisemiten gibt es schließlich nur noch versprengt und der Antizionismus ist nicht nur entnazifiziert, sondern gleich ehrbar und sogar Ausdruck eines progressiven, guten Gewissens. So einfach ist das, wenn einem die Worte fehlen.


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Mittwoch, 12. September 2007

Die rabiaten Methoden des Klimaforschers Rahmstorf

Sonntag, 2. September 2007

Sehnsucht nach Jubelberichten


Für ARD und ZDF hat es sich bislang in punkto Quote nicht gelohnt, den Tour-Schwerpunkt auf die Doping-Berichterstattung zu setzen. Viele Zuschauer sind genervt und zappen weg. Sie vermissen anscheinend die glorifizierenden Berichte aus der guten, alten Zeit.

"Tour bei der ARD zu sehen ist wie eine Fußballübertragung mit Ehefrau, die die ganze Zeit nur darüber philosophiert, wie primitiv viele Fußballer sind." Das sagt "supertester". Der ist Teilnehmer des Internetforums der Radsport-Zeitschrift "TOUR". Die Berichterstattung vom größten und bekanntesten Radrennen der Welt wird heiß diskutiert. Tenor: Die öffentlich-rechtlichen Sender, vor allem die ARD, vermiesen einem die Lust am Zusehen.

Das ist das Dilemma der ARD-Verantwortlichen. Nachdem der eigene Laden zur Blütezeit des Radsports nicht nur als Berichterstatter vom damals gar nicht so schmuddeligen Radsportzirkus, sondern sogar als Sponsor des Telekom-Rennstalls in Erscheinung trat, soll nun besonders distanziert und damit aufklärend berichtet werden. Die Tour 2007 wird genutzt, um zu zeigen, dass Radsportberichterstattung in der ARD wieder seriös ist; das weit weniger belastete ZDF verzichtet auf den geständigen Dopingsünder Rolf Aldag als Co-Kommentator.

Denn nicht nur die Sportler gerieten in der näheren Vergangenheit in Verruf. Die Fälle der ARD-Journalisten Jürgen Emig und Wilfried Mohren, die bei Radsport-Übertragungen häufig selbst am Mikro waren, liegen immer noch schwer im Magen. Gegen beide gibt es wegen Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit Sportereignissen staatsanwaltschaftliche Ermittlungen.

Dagegen wirken die Vergehen Hagen Boßdorfs wie eine Lappalie. Der ARD-Sportkoordinator und Fast-Sportchef beim NDR half Jan Ullrich beim Verfassen seiner Biografie, für die Deutsche Telekom moderierte er Veranstaltungen. Das war die Zeit, in der er mit der ARD den Doping-Experten Werner Franke verklagte, weil der den Sender als Komplizen im "Dopingsumpf" Radsport bezeichnete.

So wird die Tour 2007 zum kathartischen Großereignis. Der Sport demonstriert mit Selbstverpflichtungen, die drakonische Strafen für Dopingsünder vorsehen, dass nun aber auch wirklich alles sauber ist. Und das, nachdem doch schon die vormaligen Frankreichrundfahrten die jeweils saubersten aller Zeiten gewesen sein sollten. Und die ARD demonstriert, dass sie auch im Sportjournalismus die Spielregeln einhält. Emig, Mohren und Boßdorf sind nicht mehr in Diensten der Anstalt, und Urgestein Herbert Watterott hat seine Kommentatorenkarriere beendet - ohne Skandal.

So viel Reinlichkeit kann der geneigte Radsportfan offenbar nicht ertragen. Bei der ARD laufen die Zuschauer Sturm. Telefonisch hätten sich nach dem Prolog am Samstag viele beschwert, dass in jedem zweiten Satz das Wort "Doping" gefallen sei, erklärt die ARD per Pressemitteilung. In Internetforen fragen sich die Nutzer, warum das Rennen fast keine Rolle spielt und was der moralisierende Unterton der Reporter soll: "Heute habe ich mal auf ARD geschaut, bis gerade eben. Das ist ja echt krass! Da könnte man fast den Eindruck haben, die wollen den Sport kaputt berichten", sagt Nutzer "olemax" im "TOUR"-Forum.

Nach desaströsen Zahlen beim Prolog haben sich die Zuschauerwerte immerhin erholt. Die ARD hat auf die heftige Kritik an der Samstag-Präsentation reagiert. Die zweite Etappe am Montag sahen im Schnitt 1,2 Millionen Zuschauer, was einem Anteil von 10,1 Prozent entspricht. Das ist nur leicht weniger als in den Vorjahren. "Wir haben uns auf ein eher journalistisches Konzept verständigt", sagt Wolf-Dieter Ganz, Sprecher des ARD-Tour-Teams, zu SPIEGEL ONLINE. Es sei für die Kommentatoren ein "schwieriges Ding", die Faszination Radsport zu transportieren und dabei das Thema Doping nicht zu vergessen. "Dass man dabei keinen Spaß hat, ist klar." Viele Zuschauer sehen das auch so.

Beim Prolog am für die meisten arbeitsfreien Samstag waren keine zehn Prozent, umgerechnet 1,3 Millionen Zuschauer, dabei, während die Kommentatoren Florian Nass und Florian Kurz fast nichts zum Rennverlauf, aber eine Menge zum Doping sagten. Streckenweise wirkte die Übertragung wie eine Abrechnung mit Sportlern, die Interviews verweigerten oder dünnhäutig auf Dopingnachfragen reagierten - die derzeit natürlich nicht selten sind. Das fulminante Zeitfahren, das Andreas Klöden hinlegte, der sich bis zu seiner gestrigen Entschuldigung wenig geschickt vor den Mikros anstellte, wurde wortwörtlich "zur Kenntnis" genommen. Sein Team Astana steht bei der ARD unter Generalverdacht, wenn auch die Moderatoren das Gegenteil beteuern. Das ZDF präsentierte nach miserabler Auftaktquote von 820.000 Zuschauern (Sonntag) bei der gestrigen dritten Etappe mit immerhin 1,43 Millionen Menschen bessere Zahlen.

Eurosport vermeldet hingegen eine Verdreifachung der Zuschauer auf rund 340.000. Beim Spartensender sitzen Karsten Migels, Ulli Jansch und Andreas Schulz und machen das, was der Zuschauer offenbar erwartet, wenn er den Fernseher einschaltet um ein Radrennen zu sehen: Sie kommentieren das Geschehen auf der Straße.

Des Dopingarztes Eufemanio Fuentes' Frankenstein-Praxis und der Generalverdacht über dem Radsport werden zwar manchmal offensiv gemieden, indem man von "diesem unerfreulichen Thema" oder von "medizinischen Möglichkeiten" spricht, aber heute soll immerhin der im SPIEGEL umfassend Geständige Jörg Jaksche Studiogast sein. Dessen spanischer Kollege und Tour-Topfavorit Alejandro Valverde wird bisweilen "Piti" genannt. So heißt dessen Hund, und auf einer der Fuentes-Listen mit den Blutempfängern und -lieferanten steht "Valv.(Piti)". Valverdes Start bei der Tour ist deswegen hoch umstritten - wie auch die Übertragungen.


Spiegel Online, 11. Juli 2007

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Samstag, 1. September 2007

Des Teufels Rabbi

Wenn Juden gegen Juden hetzen, freut sich das norddeutsche Internetportal «Muslim-Markt»

Feinsinnige Unterscheidungen hat Yavuz Özoguz auf dem Kasten. Sein Muslim-Markt, ein islamistisches Internetportal, unterscheidet zum Beispiel genau zwischen guten Juden und bösen Juden. Gute Juden sind die, die in ihrem Urteil über andere Juden nicht zimperlich sind, schlechte Juden sind hingegen fast alle – nämlich Zionisten, Israelis und sämtliche Diaspora-Juden, die nicht ihre Stimme gegen den «Pseudostaat» Israel erheben. Und was ist Özoguz nach eigenen Bekunden nicht? Richtig: ein Antisemit. Und um das zu demonstrieren, werden alle paar Wochen im Forum seines extremistischen Web-Angebots ‚User’ rausgeschmissen, die tatsächlich antisemitische ‚Postings’ verfasst haben, die sich aber nur in Nuancen von dem unterscheiden, was der Forenchef selbst verzapft.

Özoguz hat auch einen Lieblingsjuden. Das ist Moishe Arye Friedman. Eigentlich würde man dem nur attestieren, nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben. Doch mittlerweile ist der selbsternannte Oberrabbiner einer antizionistischen orthodoxen Gemeinde Wiens mehr als ein Ärgernis für die dortige Israelitische Kultusgemeinde. Der Mann ohne Rabbinerdiplom, dessen Gemeinde aus ihm selbst besteht, hat mit seiner Reise zu einem weiteren Judenfreund à la Özoguz, nämlich Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinejad (den Özoguz verehrt), nachhaltig Unruhe gestiftet.

Der Teheraner Auftritt Friedmans, der der iranischen Holocaust-Leugner-Konferenz ein koscheres Geschmäckle geben sollte, hatte für ihn den Rausschmiss aus der Wiener Kultusgemeinde zur Folge. Wegen «grob schädigenden Verhaltens» seiner Kontakte zu «geschichtsrevisionistischen, antisemitischen Kreisen» und «einschlägiger Äußerungen», wurde Friedman an die Luft gesetzt. Doch damit war das Thema für beide Seiten immer noch nicht beendet. Nun geht es um die Kinder.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Anlässlich der Iran-Eskapade ihres Mannes, verließ dessen Gattin Lea Rosenzweig ihn und eskapierte ebenfalls – in die Vereinigten Staaten. Vier schulpflichtige Kinder, die die Talmud-Thora-Schule Machsike-Hadass besuchten, nahm sie um die Jahreswende herum gleich mit. Vier Wochen dauerte es, bis der emsig um die Welt jettende Rabbinerdarsteller seine Familie wieder eingefangen hatte und Frau und Kinder wieder in Wien waren. Dass Zwang und Druck auf die Gattin nötig waren, weiß der Gassenklatsch rund um die Gemeinde zu berichten. Die Familie steht wegen ihres skurrilen Oberhauptes immer wieder im Mittelpunkt der Gerüchteküche. Moishe Friedman hat diverse Gläubiger. Zuletzt konnte der Privatkonkurs des verkrachten Mannes nicht abgewickelt werden – niemand wollte die Kosten eines solchen Verfahrens tragen.

Die Schule, die zur Gemeinde gehört, jedoch – wie bei Privatschulen üblich – vom Staat gefördert wird, hatte mittlerweile die Kinder vom Unterricht ausgeschlossen. Hier ging es neben Friedmans Eskapaden, die den Schulfrieden gestört hätten auch um rund 20.000 Euro säumiges Schulgeld, das sich im Laufe der Jahre ansammelte. Per Einstweiliger Verfügung versuchte Friedman nun seine Kinder wieder auf die Schule der Gemeinde zu bekommen. In erster Instanz ging er mit dem Ansinnen jedoch baden. In zweiter Instanz stellten sich die Richter des Oberlandesgerichts Wien jedoch auf seine Seite. Mit dem Verweis auf «Sippenhaftung» wurde die Schule verdonnert, die Friedman-Kinder wieder aufzunehmen. Dagegen argumentierte die Schule, dass sie eine Privatschule sei und Eltern wie Schüler einen bestimmten persönlichen Hintergrund als Voraussetzung zum Unterricht mitzubringen hätten.

Auch Offizielle der Gemeinde in Wien bestreiten nicht, dass sich die Schule über das Urteil des OLG hinwegsetze. Seitdem verhängen Gerichte Beugestrafen gegen die Schule, die mit entsprechenden Gegenklagen beantwortet werden. Auch beim Europäischen Gerichtshof sind Klagen der Schule in der Sache anhängig. Rechtskräftig sind die Urteile gegen die Schule noch nicht und genau deswegen wird nicht vollstreckt – alles läuft also seinen normalen juristischen Gang.

Aber die Sache ist dennoch eine Steilvorlage für jeden Antisemiten. Man lasse ein paar Details weg und schon lässt sich erzählen, dass die Juden täten, was sie wollten. Da es in diesem Falle auch noch irgendwie um Israel geht, ist alles da, was der moderne Antisemit braucht.

An der Stelle kommt wieder Özoguz ins Spiel, den man normalerweise ignorieren sollte, der aber wie aus dem Lehrbuch zeigt, wie islamischer Antisemitismus heute funktioniert. Wie zum Beispiel deutsche umlackierte Antizionisten, so hat auch die islamische Variante der Judenfeindschaft ihre eigenen Codes. Deswegen lohnt es sich, die Geschichte des Muslim-Markts und der Familie Friedman/Rosenzweig unter die Lupe zu nehmen.

Seinen Lieblingsjuden brachte der in Delmenhorst bei Bremen lebende Özoguz schon im vergangenen Jahr in Stellung. Wie ein lila Kaninchen kündigte der Muslim-Markt einen Rabbiner als Sprecher auf der Kundgebung anlässlich des «Al-Quds-Tages» in Berlin an. Der «Al-Quds-Tag» ist eine Erfindung des toten iranischen Religionsdiktators Khomeini. An jedem letzten Freitag des Ramadans sollen Muslime ihrem eingeimpften Hass auf Israel freien Lauf lassen – 2006 dann sogar mit jüdischer Beteiligung.

Der Muslim-Markt wird seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet. Dass Özoguz mit dem theokratischen Regierungssystem des Iran sympathisiere, schreiben die Verfassungsschützer in ihrer jüngsten Ausgabe des Behördenberichts. Er agitiere in diesem Sinne, heißt es weiter. Ein Jahr zuvor war von einer «engen Bindung» Özoguz’ an eben jenes System die Rede. Er tritt auch als Referent auf Veranstaltungen der iranischen Botschaft auf. Der Nachweis direkter finanzieller Protegierung durch die Mullahs ist bisher allerdings noch nicht gelungen. Wohl aber heißt es nicht nur hinter vorgehaltener Hand, dass der Muslim-Markt das bedeutendste schiitische Sprachrohr für Hetze im Sinne der iranischen Führung ist.


Eine von Özoguz’ Kernthesen ist nicht sonderlich originell aber bei Antisemiten stets beliebt: Kritik an Israel sei tabu, wer sie übe würde mundtot gemacht. Zwar ist Özoguz mit seinem obskuren Muslim-Markt seit Jahren auf Sendung, doch diesen Widerspruch entdecken auch andere gestandene Antisemiten selten. Und so erzählt der Muslim-Markt seit Friedmans Auftritt in Berlin, wie hart die jüdische Gemeinschaft mit dem Wirrkopf umspringt. Dass allerdings schon die Abkehr vom Islam in vielen arabischen Staaten den Tod zur Folge haben kann und im Iran Oppositionelle derzeit reihenweise aufgeknüpft werden, verschweigt Özoguz freilich.

Höhepunkt der vom Muslim-Markt inszenierten Friedman-Rosenzweig-Klamotte ist jetzt ein Interview mit Lea Rosenzweig, in dem diese sich darüber beklagt, dass der Holocaust zu einer «Ersatzreligion» würde und Israel entscheide, wer auf eine österreichische Schule gehen dürfe bzw. Israel bestimme, welche «Gerichtsbeschlüsse in Österreich» umgesetzt würden. Und dann wird es grundsätzlich: Israel sei ein mit Waffen errichteter Staat, der ein großer Aufstand gegen den Willen Gottes sei. Die Familie bete drei Mal täglich für seine «sofortige Überwindung».

Und wo man gerade dabei ist, kann man auch noch die Strafen «bestimmter Kreise» ansprechen, die auf die warteten, die sich trauten, derartige Wahrheiten auszusprechen. Fazit: In Österreich stünden Zionisten über dem Gesetz und das dürfe nicht sein. Wäre Özoguz nicht konsequent lustfeindlich, müsste er in einen Erregungszustand geraten. «Muslim-Markt ruft zur Unterstützung einer Jüdin» auf, heißt es dann im Forum des Extremisten-Portals. Mittlerweile ist der Aufruf verschwunden, Informationen zum Ausgang der Spendensammlung unter den islamischen Brüdern und Schwestern sucht man leider vergeblich.

Matthias Küntzel ist einer der profiliertesten deutschsprachigen Forscher zum islamischen Antisemitismus. Er sieht im islamischen Antisemitismus ein Argumentationsmotiv, das in Deutschland zwar bestens bekannt aber mittlerweile spezifisch iranisch sei: «Iraner benutzen den Begriff ‚Zionisten’ wie Hitler den Begriff ‚Jude’ als die Instanz, die für alles Böse in der Welt verantwortlich sein soll.» Der Wiener Möchtegern-Rabbi habe visuell eine wichtige Rolle bei Ahmadinejads Holocaustkonferenz gespielt. Die Bilder, bei denen sich fromme Muslime und fromm aussehende Juden die Hände schütteln, signalisieren, dass endlich Friede herrschen könnte, wenn doch nur Israel beseitigt wäre. Ganz so propagiert es auch Özoguz. Und deswegen ist Friedman so nützlich für den speziellen Judenfreund aus Norddeutschland.

Erschienen in der Jüdischen Zeitung, Ausgabe September 2007

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