Montag, 2. Februar 2009

Im Gespräch mit Google

Unstrittig ist: Google beherrscht den Suchmaschinenmarkt. Je nach Analyse und Land hat Google 60 bis 90 Prozent Marktanteil. Fast jeder nutzt Google. Dazu bietet das Unternehmen noch unzählige weiterer Services an. Darunter einen Maildienst, Blogsoftware oder Google-News, das Verlagen und Redaktionen ein Dorn im Auge ist. Strittig ist, was das Unternehmen mit seiner Marktmacht anstellt. Skeptiker warnen vor einem demnächst allmächtigen Konzern, der über jeden Online-Nutzer Profile hat und die Informationsgesellschaft beherrscht. Ein Gespräch mit dem Sprecher von Google Deutschland, Stefan Keuchel, über Datenschutz, Imageprobleme des einstigen Online-Lieblings und Zensur in China.

Herr Keuchel, dieses Interview haben wir beide per E-Mail vorbereitet. Unser kleiner Mailwechsel liegt immer noch auf Ihren Servern, da ich Googlemail hierfür genutzt habe. Wo und zu welchem Zweck ist unser Notenwechsel gespeichert? 

Stefan Keuchel: Es ist nicht ungewöhnliche, dass alte Mails gespeichert werden können. Sämtliche Mail-Dienste bieten Nutzern diese Möglichkeit. Das ist doch auch Sinn und Zweck eines Email-Kontos.

Wenn Sie wollten, könnten Sie ein Dossier über mich anfertigen. Durch meine Suchanfragen wissen Sie, welche Themen mich interessieren, durch meinen Mailaccount wissen Sie, mit wem ich mich worüber unterhalte. Von solchen Datenbeständen träumen nicht nur Unternehmen, die mir passgenau Werbung unterjubeln wollen. Wie können Sie der Versuchung widerstehen, diese Daten zusammenzuführen?

SK: Google erstellt weder Nutzerprofile noch verkaufen wir Daten an Dritte wie beispielsweise werbetreibende Unternehmen. Auch wichtig zu wissen ist, dass wir anhand einer IP-Adresse, die unser Server bei Suchanfragen erkennt, keinen Rückschluss auf Ihre Identität ziehen können.

Wenn ich mein Googlemail-Konto vom selben Rechner aus nutze, könnten Sie das sehr wohl und sie müssten meine Daten nur noch zusammenfügen. Welch eine Versuchung.

SK: Der wir ganz einfach widerstehen können. Googles Erfolg steht und fällt mit dem Vertrauen der Nutzer. Wenn weltweit auch nur ein Fall bekannt würde, in dem wir Schindluder mit Daten getrieben oder Nutzerprofile erstellt hätten, wäre unser Erfolg über Nacht vorbei. 

Googles Image hat sich stark gewandelt. Die ersten Jahre nach der Gründung galten Sie als sympathischer kleiner Laden, der die neue, bunte Online-Welt greifbar macht. Jetzt gelten Sie als Herrscher dieser Online-Welt, der gigantische Datenarsenale über jeden Nutzer hat. Warum steuern Sie da nicht entschlossener gegen, wenn Sie doch beispielsweise keine Nutzerprofile erstellen?

SK: Sie haben Recht. Das Image hat sich gewandelt. Insbesondere in Deutschland. In keinem anderen Land führen wir die Diskussion um das Thema Datenschutz so intensiv wie hier. Und das ist auch gut so. Doch erstaunlicherweise ist das Wissen um das Thema Datenschutz im Internet oft recht oberflächlich. Den wenigsten Menschen scheint bewusst zu sein, dass man sich im Internet nicht anonym bewegt, sondern eine Datenspur hinterlässt. Jede Webseite die Sie besuchen, setzt so genannte Cookies. Google ist da keine Ausnahme.

Wird Google besonders kritisch betrachtet, weil Sie sich als Firmenmotto „Tu‘ nichts Böses!“ gegeben haben und Sie an ihrem eigenen moralischen Anspruch scheitern? Es geht ja nicht nur um Datenschutz. Den ökonomisch hochinteressanten Markt China besetzen Sie ohne Skrupel und beachten dabei natürlich die Zensurvorgaben der Regierung, die keine Opposition duldet.

SK: Google ist seit 2005 in China vertreten. Übrigens lange nachdem unsere Mitbewerber dort präsent waren. Klar ist, dass der asiatische Markt sehr interessant ist…

… natürlich muss man da seine Ideale hintenanstellen…

SK: Nein, im Gegenteil. Die Entscheidung, Google in China zu offerieren, war eine der härtesten Diskussionen, die wir intern hatten. Aber: Wir sind die einzige Suchmaschine in China, die ihre Nutzer durch einen Hinweis in den Suchergebnissen auf die Zensur des Staates aufmerksam macht. Übrigens genau so wie in Deutschland, wo bestimmte Inhalte, von Neonazis etwa, Nutzern nicht zugänglich gemacht werden dürfen. Unabhängige Tests haben bestätigt, dass Google die meisten Ergebnisse liefert. Deutlich mehr als beispielsweise chinesische Suchmaschinen. Wäre es da nun besser, nicht vor Ort zu sein? Hätten Chinesen dann einen besseren Zugang zu Informationen? Mit Sicherheit nicht. Darüber hinaus bieten wir in China bewusst keine personalisierten Dienste, wie Mail oder unsere Blogsoftware an, um nicht in die Situation zu geraten, Daten an Behörden geben zu müssen.

Wenn man Sie so hört, könnte man meinen, dass Sie nur ein Imageproblem haben. Ist Google vielleicht zu verschlossen? Schießen deshalb viele Gerüchte ins Kraut?

SK: Eins ist klar. Google ist keine kleine Start-Up Firma mehr, sondern ein großer Konzern, der vermeintlich mächtig ist. Es liegt in der Natur der Menschen, solchen vermeintlich mächtigen Institutionen kritisch gegenüber zu stehen. Wir sind daher mehr als je gefordert, mit bestimmten Missverständnissen aufzuräumen und noch transparenter zu sein.

Sie werden nicht nur als Datenkrake wahrgenommen. Verlage zum Beispiel fürchten Sie als wirtschaftliche Konkurrenz. Ein Vorwurf ist, dass Sie mit Google-News an fremden Inhalten Geld verdienen.

SK: Dieser Vorwurf ist falsch. Wir verdienen mit Google-News kein Geld, denn die Seite ist komplett werbefrei. Aber es stimmt. Einige Verlage hegen eine Art Hassliebe zu uns. Auf der einen Seite sehen sie, dass Headlines und ein paar Zeilen Text bei Google News erscheinen und finden das nicht gut. Auf der anderen Seite werden aber auch die Besucherzahlen gesehen, die durch Google News auf das Online-Angebot kommen. Nicht selten kommt über Hälfte der Besucher via Google. Das wiederum gefällt den Verlagen. Kein Verlag auf dieser Welt ist gezwungen bei Google News mitzumachen. Wer das nicht möchte, kann uns informieren und wir entfernen das Angebot aus Google News. Doch das wollen die wenigsten Verlage, weil wir eben eine Menge Besucher auf deren Seiten bringen. 

Sollen wir Ihnen abnehmen, ein Samariter zu sein?

SK: Wir sind ein wirtschaftlich denkendes und agierendes Unternehmen. Und wie die jüngsten Umsatzzahlen zeigen, verdienen wir auch gutes Geld. So sind wir in der Lage, viele unserer Dienste kostenfrei anbieten zu können.

So fixen Sie User an und machen Sie abhängig.

SK: Gegen den Begriff „anfixen“ möchte ich mich wehren. Jeder Nutzer entscheidet mit seiner Maus darüber, welchen Dienst er nutzt. Ich denke, dass Google bei vielen Nutzern populär ist, weil wir so unterschiedliche Dienste anbieten.

Sie verdienen schon sehr gut. Was ist Googles Ziel? 

SK: Wir möchten den Nutzern die Informationen dieser Welt zugänglich machen. Langfristig wäre es schön, dass ein Mensch, der auf Suche nach einer bestimmten Information ist, denkt: „Mensch, ich versuch es mal bei Google. Vielleicht können die mir helfen“.

Sie sind dann der Schleusenwärter, der entscheidet, welche Information beim Nutzer ankommt. Können Sie vor dem Hintergrund nicht die drastischen Warnungen vor Ihrer Macht verstehen? Eine Forschungsgruppe der TU Graz fordert gar, dass Google zerschlagen werden müsste.

SK: Diese Forderung ist kaum nachzuvollziehen. Kein Mensch ist gezwungen, Google-Dienste zu nutzen. Es gibt zahllose Mitbewerber und einen knallharten Wettbewerb. Der Nutzer wird sich immer für den besten Service entscheiden. Und den versuchen wir zu bieten.

Dies ist die Langfassung eines Gesprächs, das am 2. Februar 2009 im Kölner Stadt-Anzeiger veröffentlicht wurde.

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