Studio-Gottesdienst entfacht Rundfunk-Streit
Ein grünes Bürgerschaftsmitglied macht gegen eine Kirchenveranstaltung am Totensonntag im Funkhaus mobil. Hermann Kuhn sieht die Unabhängigkeit des Senders in Gefahr. Der umstrittene katholische Intendant Heinz Glässgen schweigt zu den Vorwürfen.
Das neue Funkhaus von Radio Bremen steht offenbar unter keinem guten Stern. Zwar ist alles neu, elegant und so modern, dass man sich in der kleinsten ARD-Anstalt als die Avantgarde des Senderverbunds fühlen kann, doch die erste „3nach9“-Sendung aus dem neuen Studio wurde zum akustischen Desaster. Störgeräusche überlagerten fast jeden Gast der Talkshow und auch die nach und nach ausgegebenen Handmikros knisterten und rauschten. Intendant Heinz Glässgen hat also Gründe, auf höheren Beistand zu hoffen. Da könnte ein Gottesdienst das Mittel der Wahl sein. Und am Totensonntag wird es im neuen Gemäuer so weit sein.
Damit setzt sich der Baden-Württemberger Glässgen im protestantischen Bremen, wo es ein eher pragmatisches als inniges Verhältnis zum Glauben gibt, in die Nesseln. Und deswegen gibt es Probleme: In Sachen Gottesdienst gehe es „im Kern um die Interpretation des Auftrags und des Selbstverständnisses von Radio Bremen“, schreibt der grüne Bürgerschaftsabgeordnete Hermann Kuhn in einem offenen Brief an Glässgen. Kuhn, der auch im Rundfunkrat des Senders sitzt, weiter: „Mit Ihrem Plan würde sich Radio Bremen nach meiner Auffassung von diesem Auftrag entfernen und seine Verantwortung für alle Menschen in unserem Land und das Gemeinwesen in seiner Gesamtheit verletzen.“ Der streitbare Abgeordnete glaubt, dass Glässgen die Unabhängigkeit des Senders riskiere. Starker Tobak auf den Glässgen nicht reagiert.
Der katholische Intendant, der Theologie studiert hat und bei der Kirche Leiter der Fachstelle Medien war, lässt aber klarstellen, dass es nicht sein Plan war, Priester und Pastoren ins Haus zu holen. Die Kirchen seien auf den Sender zugegangen und hätten vorgeschlagen, den Hörfunkgottesdienst im neuen Haus zu machen. Allerdings ist bei den Kirchen zu hören, dass schon in einer gemeinsamen Sitzung Radio Bremen „sehr zustimmend“ reagierte. Erst danach sei formal beim Sender angefragt worden.
„Das ist der ganz normale Hörfunkgottesdienst, den wir sowieso im Programm haben und der ausnahmsweise im Studio stattfindet, sagt Radio-Bremen-Sprecher Michael Glöckner. Von einer Einweihung oder gar Segnung, wie in Bremen jetzt spekuliert wird, könne keine Rede sein. Wie Parteien oder die Regierung hätten auch die Kirchen ihr Anrecht auf „Flächen im Programm“ so Glöckner. Im Sender selbst raunen andere bereits, dass Kuhns geharnischtes Schreiben fast schon Zensur darstelle, andere mokieren sich über den religiösen Eifer ihres Chefs. Glässgen ist ohnehin umstritten.
Für Kuhn ist klar, dass Glässgen mit dem Gottesdienst mehr verbindet als sein Sprecher jetzt durchlässt: „Das Rundfunkhaus hätte „im Kern einen christlichen Auftrag“, wenn es so weit käme, wie die Planungen derzeit vermuten ließen.
„Es ist eine feierliche Einweihung“, sagt Pastor Olaf Droste, der Rundfunkbeauftragte der evangelischen Kirche in Bremen. Und Hermann Haarmann, Sprecher des Bistums Osnabrück, ist sich nicht sicher, ob es nicht sogar eine Einsegnung der Räume gebe. Also doch eine sakrale Handlung und nicht einfach nur der normale Rundfunkgottesdienst an einem anderen Ort?
„Es ist eine feierliche Einweihung“, sagt Pastor Olaf Droste, der Rundfunkbeauftragte der evangelischen Kirche in Bremen. Und Hermann Haarmann, Sprecher des Bistums Osnabrück, ist sich nicht sicher, ob es nicht sogar eine Einsegnung der Räume gebe. Also doch eine sakrale Handlung und nicht einfach nur der normale Rundfunkgottesdienst an einem anderen Ort?
Bernd Graul ist Personalratsvorsitzender des Senders und ganz bei Kuhn: „Ich bin der Meinung, dass wir ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk sind und keine Kirche.“ Viele Mitarbeiter könnten die Entscheidung für den Gottesdienst nicht nachvollziehen. Auch Graul sieht die Unabhängigkeit des Senders gefährdet.
Die Welt, 12. Oktober 2007
Labels: Medienbetrieb


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