Sonntag, 2. September 2007

Sehnsucht nach Jubelberichten


Für ARD und ZDF hat es sich bislang in punkto Quote nicht gelohnt, den Tour-Schwerpunkt auf die Doping-Berichterstattung zu setzen. Viele Zuschauer sind genervt und zappen weg. Sie vermissen anscheinend die glorifizierenden Berichte aus der guten, alten Zeit.

"Tour bei der ARD zu sehen ist wie eine Fußballübertragung mit Ehefrau, die die ganze Zeit nur darüber philosophiert, wie primitiv viele Fußballer sind." Das sagt "supertester". Der ist Teilnehmer des Internetforums der Radsport-Zeitschrift "TOUR". Die Berichterstattung vom größten und bekanntesten Radrennen der Welt wird heiß diskutiert. Tenor: Die öffentlich-rechtlichen Sender, vor allem die ARD, vermiesen einem die Lust am Zusehen.

Das ist das Dilemma der ARD-Verantwortlichen. Nachdem der eigene Laden zur Blütezeit des Radsports nicht nur als Berichterstatter vom damals gar nicht so schmuddeligen Radsportzirkus, sondern sogar als Sponsor des Telekom-Rennstalls in Erscheinung trat, soll nun besonders distanziert und damit aufklärend berichtet werden. Die Tour 2007 wird genutzt, um zu zeigen, dass Radsportberichterstattung in der ARD wieder seriös ist; das weit weniger belastete ZDF verzichtet auf den geständigen Dopingsünder Rolf Aldag als Co-Kommentator.

Denn nicht nur die Sportler gerieten in der näheren Vergangenheit in Verruf. Die Fälle der ARD-Journalisten Jürgen Emig und Wilfried Mohren, die bei Radsport-Übertragungen häufig selbst am Mikro waren, liegen immer noch schwer im Magen. Gegen beide gibt es wegen Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit Sportereignissen staatsanwaltschaftliche Ermittlungen.

Dagegen wirken die Vergehen Hagen Boßdorfs wie eine Lappalie. Der ARD-Sportkoordinator und Fast-Sportchef beim NDR half Jan Ullrich beim Verfassen seiner Biografie, für die Deutsche Telekom moderierte er Veranstaltungen. Das war die Zeit, in der er mit der ARD den Doping-Experten Werner Franke verklagte, weil der den Sender als Komplizen im "Dopingsumpf" Radsport bezeichnete.

So wird die Tour 2007 zum kathartischen Großereignis. Der Sport demonstriert mit Selbstverpflichtungen, die drakonische Strafen für Dopingsünder vorsehen, dass nun aber auch wirklich alles sauber ist. Und das, nachdem doch schon die vormaligen Frankreichrundfahrten die jeweils saubersten aller Zeiten gewesen sein sollten. Und die ARD demonstriert, dass sie auch im Sportjournalismus die Spielregeln einhält. Emig, Mohren und Boßdorf sind nicht mehr in Diensten der Anstalt, und Urgestein Herbert Watterott hat seine Kommentatorenkarriere beendet - ohne Skandal.

So viel Reinlichkeit kann der geneigte Radsportfan offenbar nicht ertragen. Bei der ARD laufen die Zuschauer Sturm. Telefonisch hätten sich nach dem Prolog am Samstag viele beschwert, dass in jedem zweiten Satz das Wort "Doping" gefallen sei, erklärt die ARD per Pressemitteilung. In Internetforen fragen sich die Nutzer, warum das Rennen fast keine Rolle spielt und was der moralisierende Unterton der Reporter soll: "Heute habe ich mal auf ARD geschaut, bis gerade eben. Das ist ja echt krass! Da könnte man fast den Eindruck haben, die wollen den Sport kaputt berichten", sagt Nutzer "olemax" im "TOUR"-Forum.

Nach desaströsen Zahlen beim Prolog haben sich die Zuschauerwerte immerhin erholt. Die ARD hat auf die heftige Kritik an der Samstag-Präsentation reagiert. Die zweite Etappe am Montag sahen im Schnitt 1,2 Millionen Zuschauer, was einem Anteil von 10,1 Prozent entspricht. Das ist nur leicht weniger als in den Vorjahren. "Wir haben uns auf ein eher journalistisches Konzept verständigt", sagt Wolf-Dieter Ganz, Sprecher des ARD-Tour-Teams, zu SPIEGEL ONLINE. Es sei für die Kommentatoren ein "schwieriges Ding", die Faszination Radsport zu transportieren und dabei das Thema Doping nicht zu vergessen. "Dass man dabei keinen Spaß hat, ist klar." Viele Zuschauer sehen das auch so.

Beim Prolog am für die meisten arbeitsfreien Samstag waren keine zehn Prozent, umgerechnet 1,3 Millionen Zuschauer, dabei, während die Kommentatoren Florian Nass und Florian Kurz fast nichts zum Rennverlauf, aber eine Menge zum Doping sagten. Streckenweise wirkte die Übertragung wie eine Abrechnung mit Sportlern, die Interviews verweigerten oder dünnhäutig auf Dopingnachfragen reagierten - die derzeit natürlich nicht selten sind. Das fulminante Zeitfahren, das Andreas Klöden hinlegte, der sich bis zu seiner gestrigen Entschuldigung wenig geschickt vor den Mikros anstellte, wurde wortwörtlich "zur Kenntnis" genommen. Sein Team Astana steht bei der ARD unter Generalverdacht, wenn auch die Moderatoren das Gegenteil beteuern. Das ZDF präsentierte nach miserabler Auftaktquote von 820.000 Zuschauern (Sonntag) bei der gestrigen dritten Etappe mit immerhin 1,43 Millionen Menschen bessere Zahlen.

Eurosport vermeldet hingegen eine Verdreifachung der Zuschauer auf rund 340.000. Beim Spartensender sitzen Karsten Migels, Ulli Jansch und Andreas Schulz und machen das, was der Zuschauer offenbar erwartet, wenn er den Fernseher einschaltet um ein Radrennen zu sehen: Sie kommentieren das Geschehen auf der Straße.

Des Dopingarztes Eufemanio Fuentes' Frankenstein-Praxis und der Generalverdacht über dem Radsport werden zwar manchmal offensiv gemieden, indem man von "diesem unerfreulichen Thema" oder von "medizinischen Möglichkeiten" spricht, aber heute soll immerhin der im SPIEGEL umfassend Geständige Jörg Jaksche Studiogast sein. Dessen spanischer Kollege und Tour-Topfavorit Alejandro Valverde wird bisweilen "Piti" genannt. So heißt dessen Hund, und auf einer der Fuentes-Listen mit den Blutempfängern und -lieferanten steht "Valv.(Piti)". Valverdes Start bei der Tour ist deswegen hoch umstritten - wie auch die Übertragungen.


Spiegel Online, 11. Juli 2007

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