Eine Stadt ohne Juden

Johann Smidt wird als Gründer Bremerhavens verehrt. Sein Antisemitismus wird jedoch verschwiegen.
Ein strammer Antisemit als Namensstifter einer Kirche, noch dazu der größten im Ort? Das gibt es. Dabei war Johann Smidt (1773-1857), nach dem die Bürgermeister-Smidt-Gedächtniskirche in Bremerhaven benannt ist, nicht einfach nur Vertreter eines «zeitgemäßen» Antijudaismus. Der Mann verinnerlichte eine darüber hinaus gehende Variante des Antisemitismus, bevor Wilhelm Marr den Begriff überhaupt geprägt hatte. Und er leitete daraus knallharte Politik ab, wenn auch Smidts antisemitische Staatsräson noch weniger grausam für die betroffenen Juden war als das, was die Nazis 100 Jahre später machen sollten.
Smidts Vokabular war dabei unmissverständlich und reichte weit über die christlich tradierte Judenfeindschaft hinaus. Der gelernte Theologe schrieb 1814 als Bremer Senator über die Juden: «Ich habe bei diesen und anderen Gelegenheiten recht deutlich gesehen, wie klettenartig die Individuen dieser Nation zusammenhängen und welch furchtbaren Staat im Staate sie bilden.»
Bereits zu dieser Zeit, Smidt war Senator, wurde die Ausweisung aller Juden bis 1820 beschlossen. In dem Jahr wurden 13 jüdische Familienoberhäupter ins Rathaus einbestellt. Dort teilte man ihnen mit, dass alle bis dahin verbliebenen Juden binnen etwa zwei Monaten die Stadt zu verlassen hätten. Der Senat und Smidt, wollten das, was die Nazis später als «judenreine Stadt» bezeichneten. «Betonkopf» wäre eine verniedlichende Bezeichnung für Smidt. Unverholen restaurativ sollten die Errungenschaften der napoleonischen Zeit beseitigt, Bürgerrechte für Juden nicht nur abgeschafft, sondern die kleine Bevölkerungsgruppe schlicht vertrieben werden.
Geglückt ist das Vorhaben nicht. Rund 130 Juden lebten zu dieser Zeit in Bremen. Vom Senat unter Smidts Leitung - der 1821 Bürgermeister wurde - massiv unter Druck gesetzt, gelang es nur wenigen wohlhabenden Familien andernorts eine Bleibe zu finden. Die anderen blieben vor Ort, erhielten so genannte Fremdenkarten, deren Gültigkeit dauernd verlängert werden musste.
Denn rausschmeißen konnte man die Juden eben doch nicht so einfach, wie die Nazis es später vor der systematischen Massenermordung taten. Wo sollten sie hin, wer sollte sie aufnehmen? Beim Deutschen Bund fürchtete man neuerliche Krawalle so kurz nach den «Hep-Hep-Unruhen» 1819, bei denen in mehreren Städten jüdische Geschäfte und Synagogen geplündert und zerstört wurden und Tote zu beklagen waren. Wörtlich schreibt der Hamburger Statthalter des kaiserlichen Hofes an die Bremer: «Eine solche Maßregel welche nicht allein in diesen Gegenden, sondern auch in ganz Deutschland, wegen ihrer Gewaltsamkeit, das größte Aufsehen erregen muss, ist für die allgemeine Ruhe nichts weniger als gleichgültig, und gerade zu einer Zeit, wo jede Regierung, schon aus Vorsicht, alles vermeiden sollte, was den ohnehin kaum gedämpften Volkshass gegen die Juden wieder rege machen könnte.»
Smidt war Vordenker und Verkäufer des Bremer Antisemitismus. Er verhandelte als Gesandter mit dem Bund und warb dort für seine Politik und er exekutierte in Bremen, er schikanierte und drangsalierte. Bis zu seinem Tod 1857 war er besessen vom Hass auf die Juden.
Und doch gibt es in Bremen eine Bürgermeister-Smidt-Straße. Die Fußgängerzone und Nord-Süd-Achse der Bremerhavener Innenstadt trägt ebenfalls seinen Namen. Dazu die Bürgermeister-Smidt-Gedächtniskirche an eben jener Straße. Am Südende der Kapitale ist ein großer Platz dem großen Liberalen Theodor Heuss gewidmet. Das Denkmal auf dem Platz zeigt jedoch Smidt in großer Pose. Bis heute weist der Ex-Bürgermeister, der Bremerhaven 1827 gründete, mit absolutistischer Geste Richtung Wesermündung. Die Gründung Bremerhavens ist das Verdienst Smidts, der der stolzen Hansestadt damit weiterhin ihren Wohlstand sicherte, da der heimische Hafen 60 Kilometer südlich im Binnenland mehr und mehr versandete und von großen Schiffen kaum noch angelaufen werden konnte. Darüber hinaus gilt er als der Bewahrer der Selbständigkeit Bremens - ein Privileg, das sich bis heute erhalten hat.
Die lokale Geschichtsschreibung neigt zur Heldenverehrung. Der linke Historiker Wolfgang Wippermann goss 1985 erstmals Wasser in den Wein. In seiner Veröffentlichung «Jüdisches Leben im Raum Bremerhaven» schreibt er: «Heute scheint wenig bekannt zu sein, dass Smidt, der häufig als „Bremens größter Sohn" gepriesen wird, einer der ersten Antisemiten gewesen ist.» Es sei «legitim» ihn als einen der «ersten Vertreter des modernen Antisemitismus» anzusehen. Folgen der Veröffentlichung: keine. Woran liegt es? Beißt sich Smidts Judenhass zu sehr mit einer liberalen Tradition auf die Hansestädte im Allgemeinen und Bremen im Besonderen stolz sind?
In Berlin ist gerade mal wieder ein Streit um die Treitschkestraße im gutbürgerlichen Steglitz beendet worden. Heinrich von Treitschke, Historiker und Publizist, entfachte 1879 mit dem Satz «Die Juden sind unser Unglück» den Berliner Antisemitismusstreit. Treitschkes Name steht für die Verankerung des Antisemitismus' im akademischen Milieu, die eine entscheidende Wegmarke auf dem Weg zum NS-Antisemitismus ist. Seit acht Jahren flammt immer wieder eine Debatte um die Umbenennung der kleinen Nebenstraße der Schlossstraße auf.
Das ist immerhin mehr als in Bremerhaven, wo auch Wippermanns heimathistorisches Werk keine Debatte nach sich zog. Der Professor, der in Bremerhaven geboren ist und jetzt an der Universität der Künste in Berlin lehrt, sagt auch heute zum Namen der größten Kirche in Bremerhaven: «Das kann man nicht machen.»
Von einem «glatten Bild» in der Bremer Geschichtsschreibung spricht der Bremer Grünen-Abgeordnete Hermann Kuhn. Anders als in Bremerhaven kann sich Kuhn zwar an eine Debatte um Smidts Geschichtsbild in Bremen erinnern, doch die Chance, die Kirche in Bremerhaven oder die Straßen umzubenennen, sei nicht genutzt worden.
Mittlerweile ist das dunkle Erbe Smidts wieder verblasst. Sabine Ehlers, «Verwaltende Bauherrin», also Kirchenvorsteherin der Vereinigten Protestantischen Gemeinde zur Bürgermeister-Smidt-Gedächtniskirche gibt unumwunden zu, dass Smidts historische Rolle «kein Thema» sei. Pastor Frank Mühring würde sich einer Debatte um Johann Smidt nicht verschließen: «Man kann darüber nachdenken, wenn man die historischen Fakten berücksichtigt.» Die kennt jedoch keiner so richtig. Rainer Paulenz (SPD) ist seit einigen Monaten Kulturstadtrat in Bremerhaven und kann zum Antisemiten Smidt wenig sagen. Zum Bürgermeister Smidt dafür, dass dieser als «wichtige Person Bremens» verankert sei. «Ich halte es aber für legitim, das Thema aufzugreifen.»
Das hat neulich mal wieder Andreas Lennert anlässlich des 150sten Todestags Smidts getan. Der pensionierte Lehrer referierte bei der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft Bremen, was jeder im Lande wissen könnte, wenn er etwas Zeit im Staatsarchiv verbringen würde.
Vielleicht muss man einen Blick nach Berlin werfen, um eine Lösung zu finden. Die Treitschkestraße wird zwar weiterhin den Namen eines Antisemiten tragen, doch ein Park in der Nähe soll demnächst nach Harry Breßlau benannt werden. Der Geschichtsprofessor hatte damals öffentlich Position gegen Treitschke bezogen. Wenn sich in der Bremer Historie keine Widerständler gegen die Politik Smidts finden lassen sollten, könnten auch Gedenktafeln eine Variante sein. In der Treitschkestraße sollen sie den Antisemitismusstreit erklären, in Bremen und Bremerhaven könnten sie darauf hinweisen, dass der Gründer der Hafenstadt Juden wegen ihres Judentums ausweisen ließ.
Erschienen in der Jüdischen Zeitung, Ausgabe Juli 2007
Labels: Antisemitismus


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