Donnerstag, 3. Juli 2008

Depenbrock besiegt Redaktion

Die Klage der Berliner Zeitung gegen ihren Chefredakteur ist abgewiesen worden. Die Redaktion hatte in der Doppelfunktion Josef Depenbrocks als Chefredakteur und Geschäftsführer eine Verletzung des Redaktionsstatuts gesehen.

Labels:

Dienstag, 24. Juni 2008

Konträre Sicht

Zwei Gremien sehen einen Film. Der SWR-Rundfunkrat und die Landesmedienanstalt Rheinland- Pfalz (LMK) beurteilen das ARD-Feature „Quoten, Klicks und Kohle“ völlig unterschiedlich.

Kölner Stadt-Anzeiger, 24. Juni 2008

Labels:

Donnerstag, 19. Juni 2008

PR-Film mit Nachwirkungen

Was haben ARD und ZDF im Internet verloren? Sehr viel, befand eine SWR-Reportage, und verteidigte die Online-Expansion der Öffentlich-Rechtlichen - mit unlauteren Mitteln, wie Kritiker monierten. Jetzt befasst sich der zuständige Rundfunkrat mit dem umstrittenen Film.

Spiegel-Online, 19. Juni 2008

Labels:

Montag, 16. Juni 2008

Weiter auf dem Propagandapfad

Das „Netzwerk Recherche“ ist als Schaltzentrale der ARD/ZDF-Kampagne heftig unter Beschuss geraten. Auf der Jahrestagung des Journalistenvereins in Hamburg wird über Aufgaben, Anforderungen und Selbstwahrnehmung der Branche diskutiert.

Kölner Stadt-Anzeiger, 16. Juni 2008

Labels:

Donnerstag, 12. Juni 2008

"Es geht um die Pressefreiheit" . . .

. . . meint der Mainzer Professor Hans Mathias Kepplinger. Der Leiter des Instituts für Publizistik der dortigen Universität stellt im Kölner Stadt-Anzeiger die Debatte um die Neufassung des Rundfunkstaatsvertrags vom Kopf auf die Füße.

Kölner Stadt-Anzeiger, 12. Juni 2008

Labels:

Freitag, 6. Juni 2008

Gottes Stellverlegerin . . .

. . . steht heute in der taz über meinem Text, der sich mit dem unfreiwilligen Abgang eines fähigen Kollegen bei einem Lokalblatt beschäftigt.
taz, 6. Juni 2008

Labels:

Mittwoch, 4. Juni 2008

Einfach mal locker bleiben!

Im Kölner Stadt-Anzeiger habe ich ein besonders skurriles Erlebnis mit dem SWR-Chefreporter Thomas Leif geschildert. Bitte hier entlang.

Kölner Stadt-Anzeiger, 31. Mai 2008

Labels:

Sonntag, 25. Mai 2008

Ein Problem namens Israel

Immer wieder haben Mitglieder der Linkspartei einseitig gegen Israel gehetzt - dann ist Gregor Gysi mit einer Rede dazwischen gegrätscht, die auch seinen Partner Oskar Lafontaine unter Druck setzt. Nun ist der Streit offen entbrannt.
Stern.de, 23. Mai 2008

Labels:

Freitag, 2. Mai 2008

Verschwendungsorgie am Jadebusen

Nachdem ein Bremer Spitzenpolitiker Vorwürfe der Günstlingswirtschaft gegen Regierungschef Christian Wulff erhoben hatte, war die Empörung groß in Niedersachsen. Doch nun verdichten sich die Hinweise auf eine Wettbewerbsverzerrung beim Bau des Jade-Weser-Ports - und es droht ein Einschreiten der EU.
Stern.de, 1. Mai 2008

Donnerstag, 1. Mai 2008

Wie sag ich's dem Islam?

Aufregung bei der Deutschen Welle. Nachdem die Redaktion des DW-Portals „Qantara“ einen Text des Journalisten Igal Avidan mit einer antisemitischen Begründung ablehnte, lässt der Intendant die Seite nach kritischen Inhalten durchforsten. Dass der Chefkorrespondent seit Jahren mit der iranischen Auslandspropaganda zusammenarbeitet, findet der Sender nicht problematisch. Jetzt schaltet sich die Politik ein.

Sie soll die weltweite Verbindung nach Deutschland sein. In 30 Sprachen sendet die Deutsche Welle (DW) rund um den Globus. Es geht um Kultur, Tagespolitik und die Bundesliga. Wer germanophil ist oder als Deutscher im Ausland Heimweh hat, ist beim Auslandssender richtig. Vor ein paar Jahren hat die DW eine besondere Verbindung in die islamische Welt aufgebaut. Nach den Anschlägen vom 11. September gründete sie ein Online-Portal namens Qantara, was arabisch ist und Brücke heißt. Zweck: Dialog. Neben der DW sind das Goethe-Institut, das Institut für Auslandsbeziehungen und die Bundeszentrale für politische Bildung Träger.

Jetzt hat die Vier-Mann-Redaktion einen Skandal produziert. Sie lehnte einen Text des israelisch-deutschen Journalisten Igal Avidan mit einer verquasten und antisemitischen Begründung ab. Avidan porträtierte den aktuellen Preisträger der Buber-Rosenzweig-Medaille, Stef Wertheimer. Replik der Redaktion: Man werde den Text nicht bringen, „weil es ein jüdischer Preis ist, der an einen jüdischen Israeli vergeben wurde, der sich offen zum Zionismus bekennt, aber für sein Engagement für israelische Palästinenser ausgezeichnet wurde“. Man könne die Botschaft „herausdestillieren“, dass sich Zionismus und das Engagement für Palästinenser miteinander vereinbaren ließen. Igal Avidan: „Ich war schockiert über die Klarheit dieser Mail.“ Der Redakteur hat Avidan jetzt geschrieben, dass er sich nur missverständlich ausgedrückt habe.
Der Vorfall in der kleinen DW-Redaktion hat auch den Intendanten der Deutschen Welle, Erik Bettermann, erreicht. „Wir entschuldigen uns für dieses Schreiben“, lässt er seinen Büroleiter, Ansgar Burghof, ausrichten. Man nehme den Vorfall auch zum Anlass, jetzt genauer hinzusehen und die Inhalte von Qantara zu durchleuchten. Mittlerweile ist Avidans Text erschienen.

Womöglich muss der Chef auch in der Kernredaktion genauer hinsehen. Seit Langem gibt der Chefkorrespondent der Deutschen Welle, Peter Philipp, dem deutschen Teil des iranischen Auslandssenders IRIB monatlich ausführliche Interviews. Das findet man beim der Deutschen Welle bisher nicht problematisch. Sprecher Berthold Stevens: „Die Deutsche Welle ist der Überzeugung, dass sie jedes Forum prüfen und gegebenenfalls nutzen sollte, um deutsche und europäische Positionen zu weltpolitischen Ereignissen, Krisen und Konflikten durch DW-Journalisten zu platzieren.“ Der Dialog mit Menschen in islamischen Ländern sei ein Schwerpunkt der Deutschen Welle.

„Reichlich naiv“ findet das der Medienwissenschaftler Norbert Bolz von der TU Berlin. Der Auslandssender des Iran sei ein Propagandainstrument des Regimes. „Hier lässt sich die Deutsche Welle als Feigenblatt missbrauchen“, so Bolz. Auch zum Programmschwerpunkt gibt es klare Worte: „Dieser Dialog ist einseitig.“ Die Gefahr sei groß, dass man sich zum Werkzeug machen lasse. „Nach der falschen Prämisse, dass alle Probleme durch Dialog zu lösen seien, gibt es keine Terroregime mehr, mit denen zu reden sich verbietet.“ Aus Sicht des Iran sei eine solche Partnerschaft mit der Deutschen Welle aber nützlich: „Man kann sich so gesprächsbereit zeigen, ohne dass es an den eigenen militanten Kern geht. Es gibt keinen Terror mehr auf der Welt, der nicht im weißen Hemd daher kommt.“ Diskurs sei das Alibi des Terrors.

Philipp redet dem IRIB-Interviewer zwar nicht nach dem Munde, doch wenn er beispielsweise sagt, dass der Iran mit dem Irak einen friedlichen Nachbarn haben wolle und deswegen nicht an den Unruhen dort beteiligt sei, fragt man sich, woher er diese Gewissheit nimmt. Von einem „unfreundlichen Akt gegenüber Iran“ spricht er, wenn es um die Sanktionen des UN-Sicherheitsrats geht. Kritik am Atomprogramm oder generell an der iranischen Führung hört man von Philipp nicht. Der IRIB-Moderator und er sind ein eingespieltes Team. Diskussionen und harte Auseinandersetzungen kommen nicht auf.

Peter Philipp auf Nachfrage: „Wenn ich das, was ich hier sage, auch im Iran sagen kann, und das ist die Spielregel, sehe ich darin kein Problem.“ Und so sieht er auch nicht das Problem, dass israelkritische Positionen eines deutschen Journalisten eines staatlichen Senders im iranischen Programm eine ganz andere Funktion haben als im Programm der deutschen Welle. So kann Philipp auch nicht nachvollziehen, was Bolz mit dem Feigenblatt meint: „Man soll die Dinge nehmen, wie sie sind, und nicht in irgendeinen Kontext stellen.“ Außerdem gebe es in Deutschland sowieso nur einige Fanatiker, die das deutsche Programm von IRIB hörten. Warum er von den Programmmachern so gerne vernommen wird, fragt er sich offenbar nicht.

Jetzt stellt auch der Vorsitzende des Kultur- und Medienausschuss im Bundestag, Hans-Joachim Otto, den Dialogkurs der Deutschen Welle in Frage: „Ich glaube nicht, dass die Strategie aufgeht“, sagt der FDP-Politiker zum arabischen Programm der Deutschen Welle. „Glaubt wirklich jemand, dass die Araber auf die Deutsche Welle gewartet hätten?“ Vor dem Hintergrund der Nahost-Dauerkrise spricht er auch von einem „Zielkonflikt“. Man müsse ja nicht nur Schwerpunkte setzen, sondern auch bestimmte Botschaften bringen. Deswegen befürchtet Otto israelfeindliche Positionen im arabischen Programm des deutschen Senders. „Bisher wissen wir nicht, was die Deutsche Welle im arabischen Raum veranstaltet.“ Auch die Zusammenarbeit des Chefkorrespondenten mit dem Iran sieht Otto kritisch: „Man muss prüfen, ob das im Sendeauftrag der DW liegt.“ Prinzipiell sei aber jede Form von Dialog auch eine Aufwertung eines diktatorischen Regimes.

Ähnlich sieht das der außenpolitische Sprecher der Union, Eckart von Klaeden. Ein Hindernis im Umgang mit dem Iran sei dessen Propaganda, die keine unmanipulierte Darstellung der Positionen der Vereinten Nationen zulasse: „Dialog ist nur dann sinnvoll, wenn er den Standpunkt der Bundesrepublik Deutschland, der Verbündeten und der Vereinten Nationen vollständig, klar und unmissverständlich zum Ausdruck bringt. Deswegen fordert von Klaeden eine „faire Untersuchung“ der Vorgänge: „Von einem Redakteur des deutschen Auslandsfunks muss man erwarten, dass er Positionen Deutschlands ungeschmälert darstellt.“ Dazu gehöre, dass er die „antisemitischen Ausfälle“ des iranischen Präsidenten oder dessen Holocaustleugnerkonferenz für „unakzeptabel“ erkläre.

Labels: ,

Samstag, 26. April 2008

Spezlwirtschaft hinterm Deich?

Die Geschichte des Hafenprojekts Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven hat alles, was eine handfeste Affäre braucht: Es geht um einen lukrativen Großauftrag, um Intrigen bei der Bauvergabe und die politischen Interessen zweier benachbarter Bundesländer. Und nun kommt möglicherweise noch Günstlingswirtschaft dazu.

Stern.de, 22. April 2008

Montag, 14. April 2008

Der Windmacher

Der Sozialdemokrat Hermann Scheer gilt als Energieexperte seiner Partei. Für ihn zählt nur erneuerbare Energie. Sie bedeutet die Menschheitswende, alles andere wird mit markigen Worten verworfen.
Die Welt, 14. April 2008

Labels:

Freitag, 11. April 2008

Freibrief für Judenhasser

Streit um eine rechte Parole: Der Ausruf "Juden Jena" ist "strafrechtlich irrelevant", sagt die Staatsanwaltschaft Halle. Nun werden die Strafverfolger von den gleichen Politikern gescholten, die keine schärferen Gesetze erlassen wollen. SPIEGEL ONLINE hat sich umgehört.
11. April 2008

Labels:

Freitag, 14. März 2008

"Ich nehme Becks Gegnerschaft an"


Wie halten wir's mit der Linkspartei? Über die Antwort auf diese Frage zerfleischt sich die SPD derzeit selbst, allen voran Parteichef Kurt Beck. Nur, wie halten's die Linken eigentlich mit der SPD? Im stern.de-Interview verrät Vizechefin Katja Kipping, wie die SPD für sie attraktiv sein könnte.

stern.de, 11. März 2008

Donnerstag, 6. März 2008

Regieren um jeden Preis

Der Historiker Hubertus Knabe warnt vor den "Lippenbekenntnissen" der Linken - hinter den Kulissen sehe es "finster" aus. Im Gespräch mit "stern.de" mahnt er zudem zur Vorsicht vor einer SPD, die sogar ihre schmerzhafte Geschichte vergesse, um an die Macht zu kommen.

Stern.de, 6. März 2008

Sonntag, 3. Februar 2008

Die VW-Connection des Sigmar Gabriel

Stern.de, 31. Januar 2008

Labels:

Montag, 28. Januar 2008

Hängepartie am Jadebusen

Beim Bau des neuen deutschen Mega-Hafens an der Nordsee droht ein millionenschweres Fiasko.


Focus Nr. 4/2008

Donnerstag, 20. Dezember 2007

Heimatlos im Netz

Internet-Unternehmen entwickeln unter Hochdruck lokale Dienste, doch die meisten Verleger regionaler Medien missachten die Gefahr: Ihre Webseiten hinken der Zeit chancenlos hinterher. Mit ihrem vermeintlichen Sparprogramm verschärfen sie die Krise ihrer eigenen Branche.

Spiegel-Online, 19. Dezember 2007

Labels:

Donnerstag, 13. Dezember 2007

Strahlenschützer im Zwielicht

Atomkraftwerke machen Kinder krebskrank. Diese These steht seit dem Wochenende im öffentlichen Raum. Dass allerdings die Autoren der Studie Strahlung als Ursache ausschließen, ignorieren nicht nur notorische Atomkraftgegner, sondern auch die Behörde, die das Gutachten in Auftrag
gab.

Die Welt, 13. Dezember 2007

Labels:

Montag, 19. November 2007

Männer sind schuld am Klimawandel

Spiegel-Online, 17. November 2007

Sonntag, 4. November 2007

Hurra, wir haben die Redaktion verkauft

Verleger beschwören gern die Bedeutung der Tageszeitung für die Demokratie - und lagern derweil ihre Journalisten aus. Manchmal gleich zu PR-Agenturen VON B. HELLMERS & J.-P. HEIN

In Sonntagsreden beschwören Verleger gerne ihre Bedeutung als "vierte Gewalt" im Staate. Kein Satz ist zu hochtrabend, um sich selbst zur Verfassungsinstanz hochzujazzen: "Zeitungen stellen die Instanz dar, die informiert und aufklärt, somit eine Wächterfunktion jenseits der Säulen Legislative, Exekutive und Judikative ausübt und dadurch zur Stabilisierung und Entwicklung unserer Staatsform beiträgt." - Um die Bedeutung seiner Zeitungen zu beschwören, lässt auch Ulrich Hackmack, Vorstandschef der "Bremer Tageszeitungen AG" (Bretag), bei der Weser-Kurier und Bremer Nachrichten erscheinen, gerne das ganz große Orchester aufspielen.

Doch auch der Nachricht, soeben die dritte Lokalredaktion ausgegliedert zu haben, gewinnt man Positives ab: "Weser-Kurier übergibt Redaktionen in Brinkum und Syke an Pressedienst Nord", trompetete vor kurzem eine Sonderbeilage. Und meinte schlicht: Hurra, wir haben die Redaktion verkauft!

Das Stück "Ich gliedere meine Redaktion aus", das die Bretag seit 2006 aufführt, hat bei deutschen Verlagen das Zeug zum Kassenschlager: Der Dortmunder Verleger Lambert Lensing-Wolff (Ruhr Nachrichten) setzte Anfang dieses Jahres die Redaktion seiner Münsterschen Zeitung an die Luft - und ersetzte sie durch nicht nach Tarif entlohnte Nachfolger. Erstmals praktiziert wurde diese Sparvariante Ende der Neunzigerjahre bei der Koblenzer Rhein-Zeitung. Seitdem gibt es beim redaktionellen Outsourcing viele Variationen und eine Gemeinsamkeit: Berichtet wird, wenn überhaupt, von überregionalen Medien.

Die direkt betroffenen Leser erfahren in der Regel nie, was sich da hinter den Kulissen ihrer Regionalzeitung tut. Und die lokale Konkurrenz schweigt in der Regel über Vorgänge beim Nachbarn - und bei sich selbst erst recht. Eine Krähe hackt der anderen eben kein Auge aus: So berichten Redakteure, dass Verlagsleitungen sie angewiesen hätten, nicht mehr über mediale Leiharbeit zu berichten oder Meldungen über Proteste bei anderen Verlage zu unterschlagen.

Entsprechend leise ging auch eine andere Ausgliederung in der Nähe von Bremen über die Bühne: In Delmenhorst kann man über ein Zeitungshaus staunen, das ganz ohne Redaktion auskommt. Das Delmenhorster Kreisblatt bezieht seinen überregionalen Teil von Hackmacks Bretag. Für die Lokalseiten aber hatte das Kreisblatt vor zwei Jahren eine ganz besondere Tochter in die Welt gesetzt: Die PR-Firma "Rieck 24 News-Service". Deren Motto: "Wir bieten Unternehmenskommunikation nach Maß", man rühmt sich "allerbester Beziehungen zu den Medien im Nordwesten". Kein Wunder - schließlich produziert man neben PR ja den Lokalteil des Delmenhorster Kreisblatts mit. Und Kreisblatt-Chefredakteur Ralf Freitag ist in Personalunion Geschäftführer bei Rieck. Da kann die PR-Website Rieck24 (s. Bild) also wahrheitsgemäß mit dem "dichten Netz von Kontakten" werben: "Sozusagen auf Augenhöhe, von Chefredakteur zu Chefredakteur."

In Delmenhorst hatte auch die Bretag 2006 mit ihrem Outsourcing-Programm begonnen: Die Redaktion des dortigen Lokalteils ging in der"Pressedienst Nord GmbH" auf, die heute schon drei der acht Lokalausgaben von Weser-Kurier bzw. Bremer Nachrichten liefert. Bretag-Verleger Hackmack beschwört derweil weiter den Wert der Zeitung an sich: Sie fördere den Gemeinsinn, "und das ist der Stoff, der unsere Gesellschaft zusammenhält", schreib der Verleger in seinem Grußwort zur jüngsten feierlichen Ausgliederung in Brinkum und Syke. Ziemlich verlassen wirken daneben die Ex-Lokalredakteure, die ihren Lesern in der Sonderbeilage ein letztes Mal als verdatterte Jubelauguste im Gruppenbild erscheinen. Eine Seite vorher lachen ihre jungen Nachfolger in die Kamera. Lokalaufmacher der ersten Woche mit der neuen Mannschaft: "Das Sams kommt nach Sudweyhe", "Syke, du liebliche Waldstadt" plus Urlaubstipps örtlicher Reisebüros.

"Bigotterie ist in Verlegerkreisen weit verbreitet", sagt Horst Röper, Chef des Dortmunder Formatt-Instituts, das sich seit langem mit den Entwicklungen auf dem Zeitungsmarkt beschäftigt. "Verleger entwickelten sich in den letzten Jahren immer mehr zu Kaufleuten." Die Rendite bewege sich mit durchschnittlich rund 20 Prozent immer noch in "traumhaften Gefilden". Doch der Appetit sei eben noch ein bisschen größer. Ob die neuen Spar-Redaktionen im Bremer Umland ein Resultat echter Not sind oder nur die Rendite sichern sollen, bleibt allerdings unklar.

Die Gewerkschaften haben immer wieder vergeblich versucht, Informationen zur wirtschaftlichen Situation der von den Verlegerfamilien Hackmack und Meyer kontrollierten Bretag zu bekommen. Doch der Vorzeigedemokrat Hackmack und seine Führungsriege schätzen Transparenz in eigener Sache weniger. Auf schriftliche Anfragen reagiert der Bremer Verleger schon gar nicht. Ebenso wenig sein Delmenhorster Pendant Frank Dallmann: Auch der möchte sich nicht dazu äußern, wie eine PR-Firma glaubwürdig Zeitung machen kann. Allerdings singt Dallmann anders als Hackmack auch nicht dauernd das Hohelied auf Verfassung und Verlage. Er hat ein weit pragmatischeres Verhältnis zu seinem Gewerbe: "Unserer publizistischen Verantwortung bewusst, werden auch bei der Erstellung des Delmenhorster Kreisblattes modernste Produktionsverfahren und Techniken eingesetzt", schrieb er im Sommer anlässlich eines Firmenjubiläums. Inhaltliche Fragen beschäftigen ihn offenbar schon gar nicht mehr.

taz, 5. November 2007

Labels:

Freitag, 26. Oktober 2007

Der fliegende Gerichtsstand

Kölner Stadt-Anzeiger, 24. Oktober 2007

Labels: ,

Mittwoch, 17. Oktober 2007

Mein Kind geht auf die Geheimschule

Spiegel-Online, 16. Oktober 2007

Montag, 15. Oktober 2007

"Kammer des Schreckens"

Journalisten fühlen sich von Urteilen eines Richters benachteiligt. Politiker und Historiker warnen vor Eingriffen in die Pressefreiheit.


Focus Nr. 41/2007

Labels: ,

Sonntag, 14. Oktober 2007

In Bremen gab es 30 Jahre lang eine illegale Schule, und niemand will etwas gemerkt haben

Sie tricksten und logen, und die Behörden bekamen nichts mit: Wie Eltern ihre Kinder am staatlichen Schulsystem vorbei unterrichten ließen.

Alfred Putzka ist ein gebranntes Kind. Der Physiker ging nicht gern zur Schule. Erst an der Universität startete er durch. Mittlerweile ist der Bremer selbstständiger Umweltphysiker. Seinen beiden Söhnen, sechs und sieben Jahre alt, wollte der 49-Jährige eine ähnlich negative Schulerfahrung ersparen. Deswegen schickte er seinen ältesten Sohn in die "Kinderschule" - und hätte es wohl auch mit seinem jüngeren getan, wenn die nicht im Frühjahr geschlossen worden wäre.

Die Bremer "Kinderschule" hat es jetzt, ein halbes Jahr nach ihrer Auflösung, in die bundesweiten Schlagzeilen geschafft. Sie war das Projekt engagierter Eltern, die meisten Akademiker, die für ihre Kinder eine andere Schule wollten. Kinder verschiedenen Alters sollten zusammen lernen mit Entspannungsphasen und ohne Lerndruck.

Doch die "Kinderschule" war illegal. Knapp 30 Jahre lang wurde ohne Erlaubnis Schreiben, Rechnen und Lesen gelehrt. Mehr als 300 Kinder sollen unterrichtet worden sein - angeblich ohne dass die Schulbehörde es merkte. Die Absolventen gingen anschließend mit gefälschten Papieren auf weiterführende Schulen und fielen nicht auf.

Erst als Schülerdaten und Melderegister per Computer verglichen wurden, fiel der Schwindel im vergangenen Jahr auf. Etwa zeitgleich stellten die Eltern einen Antrag, um die Schule zu legalisieren. Dies wurde abgelehnt, die Schule im Mai abgewickelt, ihre Schüler an anerkannte Schulen übergeben. Das alles wurde erst jetzt bekannt, angeblich weil die Schulbehörde die Kinder schützen wollte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass im Mai in Bremen Bürgerschaftswahlen anstanden.

Am Körnerwall 6 im Bremer Stadtteil "Viertel" erinnert vieles an die Welt aus Astrid Lindgrens Büchern. Die Villa, in der die Vereinsräume, die Kindertagesstätte und die Schule sind, ist allerdings weiß und nicht kunterbunt. Das Quartier liegt zwischen Innenstadt und Weserstadion. Cafés, liebevoll restaurierte Bremer Häuser mit Wintergärten, Bioläden und Restaurants bestimmen das Bild. Intakte Familien leben hier, gut verdienende Singles und Studenten. Es ist urban, aber das Gegenteil einer anonymen Siedlung. Dass niemand gewusst haben soll, dass im Schatten des Kindergartens "Picobello" nicht alles in Ordnung war, fällt schwer zu glauben.

Auch Uwe Lange glaubt das nicht. Der Geschäftsführer eines Beschäftigungsträgers hatte seine Töchter Paula, 11, und Maj, 9, auf die "Kinderschule" geschickt. Inzwischen sind beide gute Schülerinnen an anderen Schulen. "Das war eine normale Schule", sagt der 54-Jährige. Und das hätten auch viele gewusst, wenn auch vielleicht nicht im "vollen Umfang".

Grundidee war das jahrgangsübergreifende Lernen. Es gab eine gemeinsame erste und zweite Klasse, eine gemeinsame dritte und vierte und den Kindergarten Picobello. Jeden Morgen ging es um halb neun los, um halb eins gab es Mittagessen und dann noch mal eine Einheit bis halb drei. Eine hauptamtliche Lehrerin und zwei oder drei Bezugspersonen hätten sich um die insgesamt 25 Kinder gekümmert, erzählt Uwe Lange. Jeden Freitag gab es dann Mädchen- und Jungenunterricht. Wer "schulmüde" gewesen sei, durfte sich bei den Picobello-Kindergartenkindern entspannen. Dazu wurden Projekte angeboten, wie das "Heimbüttel", in dem die Kinder ein Gemeinwesen simulierten mit Steuereintreibern, Geschäften und Dienstleistern und einer eigenen Währung namens "Heimchen".

Die Eltern, die Essen kochten, die Lehrerin bezahlten und die Betreuer engagierten, bezeichnen sich selbst als "typische Viertel-Eltern". Sie haben studiert, sind alternativ, aber eher liberal. Und belogen manchmal die Behörden. Bei der Anmeldung an einer weiterführenden Schule sagte Uwe Lange etwa, dass seine Tochter an einer Privatschule gewesen sei. Nachfragen habe es nicht gegeben. Und so lief das wohl in den meisten Fällen ab.

"Die haben sich viel Mühe gegeben und eine gute Schule betrieben", sagt Robert Bücking. Er ist grüner Bürgermeister des Viertels. Auch Bücking behauptet, er habe erst jetzt von der Existenz erfahren. Karla Götz ist die Sprecherin der Bildungssenatorin. Sie beschreibt die Eltern als Menschen mit "einem etwas anderen Staatsverständnis".

Das klingt alternativ und nach 68er-Romantik. So war es wohl auch, als sich vor fast 30 Jahren erste Eltern zusammentaten. Wer genau damals dabei war, wissen selbst Putzka und Lange heute nicht mehr. Wenn die Kinder auf weiterführende Schulen gingen, engagierten sich auch bald die dazugehörenden Eltern nicht mehr, die Eltern der nachrückenden Kinder übernahmen. Das Prinzip funktionierte, weil die Eltern behaupteten, sie hätten ihre Kinder im benachbarten Niedersachsen auf einer Privatschule angemeldet. Um sie auf einer der weiterführenden Schule in Bremen unterzubringen, wurden sie dann wieder umgemeldet.

Vor 14 Jahren spaltete sich jedoch ein Teil der Eltern ab - aus Angst, das illegale Treiben könnte auffliegen. Sie erreichten, dass an anderer Stelle die staatliche Modellschule "Auf der Hohwisch" entstand. Die übrigen machten mit der "Kinderschule" weiter. Zuletzt sollen 40 Eltern beteiligt gewesen sein. Vor eineinhalb Jahren gründeten sie den Verein "Freie Schule Bremen", der die Trägerschaft der Schule übernahm. Putzka ist Vorsitzender dieses Vereins, der jetzt dafür kämpft, dass die "Kinderschule" doch noch eine staatlich anerkannte Ersatzschule wird. Denn sie wollten etwas, was in vielen anderen Ländern üblich sei: die Freiheit, eigene pädagogische Modelle für ihre Kinder umzusetzen, sagt Alfred Putzka. In Deutschland tun sich Behörden damit jedoch schwer. Es gibt die Schulpflicht, und Schulen in privater Trägerschaft müssen strenge Anforderungen erfüllen.

In Bremen wird die Angelegenheit nun auch ein politisches Nachspiel haben. Claas Rohmeyer ist bildungspolitischer Sprecher der Bremer CDU-Fraktion und fühlt sich von der Behörde "verschaukelt". Zwar habe der damalige Bildungssenator Willi Lemke (SPD) ihm Anfang des Jahres zu Zeiten der Großen Koalition gesagt, dass im Zuge eines Datenabgleichs Eltern aufgefallen seien, die sich der Schulpflicht entzogen hätten. Doch dass es sich um eine ganze Schule handelte, habe er nicht gesagt. Auch die Abwicklung der Schule kritisiert Claas Rohmeyer.

Denn ertappte Eltern und Behörde setzten sich im Mai zusammen, um die verbliebenen acht Kinder auf reguläre Schulen zu verteilen. Den Eltern wurde ein Bußgeld in Höhe von je 200 Euro aufgebrummt. Claas Rohmeyer hält das für falsch: "Wir signalisieren hier womöglich anderen, dass man sein Kind für diese Summe von der Schulpflicht freikaufen kann."
Mitarbeit: Birgitta vom Lehn


Welt am Sonntag, 14. Oktober 2007

Donnerstag, 11. Oktober 2007

Studio-Gottesdienst entfacht Rundfunk-Streit

Ein grünes Bürgerschaftsmitglied macht gegen eine Kirchenveranstaltung am Totensonntag im Funkhaus mobil. Hermann Kuhn sieht die Unabhängigkeit des Senders in Gefahr. Der umstrittene katholische Intendant Heinz Glässgen schweigt zu den Vorwürfen.

Das neue Funkhaus von Radio Bremen steht offenbar unter keinem guten Stern. Zwar ist alles neu, elegant und so modern, dass man sich in der kleinsten ARD-Anstalt als die Avantgarde des Senderverbunds fühlen kann, doch die erste „3nach9“-Sendung aus dem neuen Studio wurde zum akustischen Desaster. Störgeräusche überlagerten fast jeden Gast der Talkshow und auch die nach und nach ausgegebenen Handmikros knisterten und rauschten. Intendant Heinz Glässgen hat also Gründe, auf höheren Beistand zu hoffen. Da könnte ein Gottesdienst das Mittel der Wahl sein. Und am Totensonntag wird es im neuen Gemäuer so weit sein.

Damit setzt sich der Baden-Württemberger Glässgen im protestantischen Bremen, wo es ein eher pragmatisches als inniges Verhältnis zum Glauben gibt, in die Nesseln. Und deswegen gibt es Probleme: In Sachen Gottesdienst gehe es „im Kern um die Interpretation des Auftrags und des Selbstverständnisses von Radio Bremen“, schreibt der grüne Bürgerschaftsabgeordnete Hermann Kuhn in einem offenen Brief an Glässgen. Kuhn, der auch im Rundfunkrat des Senders sitzt, weiter: „Mit Ihrem Plan würde sich Radio Bremen nach meiner Auffassung von diesem Auftrag entfernen und seine Verantwortung für alle Menschen in unserem Land und das Gemeinwesen in seiner Gesamtheit verletzen.“ Der streitbare Abgeordnete glaubt, dass Glässgen die Unabhängigkeit des Senders riskiere. Starker Tobak auf den Glässgen nicht reagiert.

Der katholische Intendant, der Theologie studiert hat und bei der Kirche Leiter der Fachstelle Medien war, lässt aber klarstellen, dass es nicht sein Plan war, Priester und Pastoren ins Haus zu holen. Die Kirchen seien auf den Sender zugegangen und hätten vorgeschlagen, den Hörfunkgottesdienst im neuen Haus zu machen. Allerdings ist bei den Kirchen zu hören, dass schon in einer gemeinsamen Sitzung Radio Bremen „sehr zustimmend“ reagierte. Erst danach sei formal beim Sender angefragt worden.

„Das ist der ganz normale Hörfunkgottesdienst, den wir sowieso im Programm haben und der ausnahmsweise im Studio stattfindet, sagt Radio-Bremen-Sprecher Michael Glöckner. Von einer Einweihung oder gar Segnung, wie in Bremen jetzt spekuliert wird, könne keine Rede sein. Wie Parteien oder die Regierung hätten auch die Kirchen ihr Anrecht auf „Flächen im Programm“ so Glöckner. Im Sender selbst raunen andere bereits, dass Kuhns geharnischtes Schreiben fast schon Zensur darstelle, andere mokieren sich über den religiösen Eifer ihres Chefs. Glässgen ist ohnehin umstritten.

Für Kuhn ist klar, dass Glässgen mit dem Gottesdienst mehr verbindet als sein Sprecher jetzt durchlässt: „Das Rundfunkhaus hätte „im Kern einen christlichen Auftrag“, wenn es so weit käme, wie die Planungen derzeit vermuten ließen.

„Es ist eine feierliche Einweihung“, sagt Pastor Olaf Droste, der Rundfunkbeauftragte der evangelischen Kirche in Bremen. Und Hermann Haarmann, Sprecher des Bistums Osnabrück, ist sich nicht sicher, ob es nicht sogar eine Einsegnung der Räume gebe. Also doch eine sakrale Handlung und nicht einfach nur der normale Rundfunkgottesdienst an einem anderen Ort?

Bernd Graul ist Personalratsvorsitzender des Senders und ganz bei Kuhn: „Ich bin der Meinung, dass wir ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk sind und keine Kirche.“ Viele Mitarbeiter könnten die Entscheidung für den Gottesdienst nicht nachvollziehen. Auch Graul sieht die Unabhängigkeit des Senders gefährdet.

Die Welt, 12. Oktober 2007

Labels:

Dienstag, 9. Oktober 2007

Hysteriker und Skeptiker

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: Wenn in Deutschland über Klimawandel diskutiert wird, führt kein Weg am PIK, so die Abkürzung, vorbei. Für die einen ist das Institut mit seinen wortgewaltigen Mitarbeitern die Stimme der Wahrheit unter Verharmlosern, Leugnern und Skeptikern. Die anderen halten es für einen Tempel der Hysterie, in dem die Apokalypse gepredigt wird. Nicht nur unter Forschern ist das PIK umstritten; kaum wegen der fachlichen Arbeit, sondern wegen der Öffentlichkeitsarbeit. Regelmäßig verstrickt sich mit Stefan Rahmstorf einer der wichtigsten Köpfe des Instituts in Scharmützel mit Journalisten. Die ganze Debatte würde dadurch beeinflusst, fürchten Fachleute.

Der Streit verdeckt eine zentrale Frage: Soll alle Kraft in die Senkung des CO2-Ausstoßes investiert werden oder in Anpassungsstrategien? Es geht um die Deutungshoheit in einer Debatte, deren Stellenwert mit der über Atomkraft, Zuwanderung oder Anti-Terror-Strategien verglichen werden kann. Soziologie-Professor Peter Weingart von der Universität Bielefeld ist aufmerksamer Beobachter. Er sieht zunächst eine normale öffentliche Auseinandersetzung: "Da sind Forscher, die den Wissenschaftskonsens des vom Menschen verursachten Klimawandels darstellen. Und da sind Journalisten, die das nicht nur transportieren möchten, sondern auch Gegenstimmen einholen." Die Klimaforschung wird bestimmt von Physikern wie Stefan Rahmstorf. Der Professor heizt mit pointierten Stellungnahmen immer wieder den Medienbetrieb an. Weingart: "Gerade Physiker denken, dass ihre Daten eindeutig sind, und können sich nicht damit abfinden, wenn sie Interpretationen unterliegen." Und gerade Rahmstorf, der lauteste und öffentlichkeitswirksamste deutsche Klimaforscher, könne nicht damit umgehen, wie die wissenschaftlichen Daten in der öffentlichen Diskussion unter nicht wissenschaftlichen Spielregeln benutzt werden.

Rahmstorf, Berater der Bundesregierung und Mitautor des IPCC-Berichts, hat immer wieder Forscherkollegen und Journalisten heftig angegriffen. Aber: "Er hat damit der Sache keinen Dienst erwiesen", sagt Weingart. Er sieht Rahmstorf und das PIK in einem Kampf um die Deutungshoheit in der Klimadebatte: "Im Moment diskutieren wir die Frage, ob wir verstärkt auf Anpassung an den Klimawandel setzen, was ich als Sozialwissenschaftler für den besseren Weg halte", so Weingart. Das sei nicht das "Geschäft der Physiker", weshalb diese fast "eifersüchtig" die Verlagerung der Klimadebatte betrachteten. Weingart ist kein Skeptiker. Er gehört nicht zu denen, die der Mehrheit der Klimaforscher grundsätzlich widersprechen. Er weiß, dass "großflächige Verhaltensänderungen" nötig sind, um Klimaänderungen zu begegnen. Dennoch kritisiert er die, die das unablässig predigen: "Wir erleben eine Trivialisierung." Moralische Vorhaltungen wegen Billigfliegerei oder Kampagnen wie "Biertrinken für den Regenwald" würden dem großen Thema nicht gerecht.

Nachdem Rahmstorf im Feuilleton der FAZ einen Angriff gegen Wissenschaftler und Journalisten führte und ihnen Fälschungen und Irreführung der Öffentlichkeit vorwarf, eskalierte der Streit zwischen dem Klimaforscher und den wenigen, die von den als sicher geltenden Thesen der Wissenschaftsgemeinde abrücken. Einige von ihnen formulieren in der Tat Positionen, die selbst Außenseiter in Forscherkreisen nicht mehr vertreten. Andere, wie Buchautor und WELT-Kolumnist Dirk Maxeiner, haben es eher auf Begleitthemen der Klimadebatte, wie die Mechanik öffentlicher Hysterie, abgesehen. So haben sich Rahmstorf und Maxeiner zu Antipoden in der Klimade-batte entwickelt. Der Mahner Rahmstorf provoziert den Kritiker Maxeiner, der wiederum Rahmstorf ...

Hans von Storch, Professor für Meteorologie der Universität Hamburg und Leiter des Instituts für Küstenforschung in Geesthacht, kritisiert ausdrücklich nicht den Forscher Rahmstorf, sondern den Aktivisten in ihm, der "Sanktionen" gegen Klimasünder fordert oder fabuliert, dass Kinder und Enkel einen "hohen Preis" bezahlen könnten, wenn den Kritikern nicht das Wort entzogen würde. Von Storch: "Damit ist Rahmstorf außerhalb der Wissenschaft und versteckt sich aber hinter der Seriosität eines Wissenschaftlers." Auch Kritiker Maxeiner bekommt einen mit: "Im Sinne der Debatte über Strategien gegen den Klimawandel sollten beide Extrempositionen, die von Rahmstorf und Maxeiner, wegfallen. Das Problem mit den Skeptikern legte sich, und Rahmstorf hat ihnen eine neue Bühne gegeben", so von Storch. Der Gescholtene erwidert, dass von Storch die Reihenfolge verkehre: "Mein Artikel reagiert ja erst auf eine Welle von Skeptikerberichten in den Medien", sagt Rahmstorf.

Keine wissenschaftliche Arbeit hat den Einfluss der Kritiker, die von Rahmstorf auch schon mal in Analogie zum Holocaustleugner als "Klimaleugner" bezeichnet werden, auf die öffentliche Meinung untersucht. Am PIK fürchtet man dennoch, dass die Arbeit des Hauses untergraben würde, ja sogar, dass wichtige gesellschaftliche Entscheidungen zur Eindämmung des Klimawandels verhindert würden. Rahmstorf: "Im Bekanntenkreis merke ich, dass diese Thesen weit verbreitet sind."

Von Storch übt mit Nico Stehr, der Inhaber des Karl-Mannheim-Lehrstuhls für Kulturwissenschaften an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen ist, methodische Kritik am PIK: "Dort sieht man fast nur den Faktor Klima." Fast alle Szenarien, fast alle Prognosen und die Handlungsempfehlungen basierten darauf. Dabei ist das PIK ein interdisziplinäres Institut. Ökonomen, Soziologen und Klimatologen aus verschiedenen naturwissenschaftlichen Bereichen arbeiten dort. Darauf verweist auch Rahmstorf. Doch von Storch geht weiter: Alle diese wissenschaftlichen Teilbereiche würden fast immer auf den Faktor Klima heruntergebrochen: "Die Kollegen bedienen damit den in der Gesellschaft immer noch virulenten Klimadeterminismus" - ein seit Jahrzehnten überholtes wissenschaftliches Denkmodell. Kernaussage: Der Mensch und ganze Kulturen werden vom Klima geformt. Der Ansatz ist deshalb zusammen mit anderen deterministischen Erklärungen gesellschaftlicher Veränderungen obsolet, weil er die Komplexität sozialen Wandels verharmlost und ökonomische, politische, kulturelle und psychologische Prozesse außen vor lässt. Von Storch sieht diesen Wissenschaftsdinosaurier quasi durch die Hintertür in Potsdam wieder reanimiert. Ottmar Edenhofer ist Chefökonom des PIK. Er kennt den Vorwurf: "Klimadeterminismus spielt bei uns so gut wie keine Rolle."

Die Messer für die nächsten Runden dürften derweil schon gewetzt werden. Der dänische Statistikprofessor Bjørn Lomborg, der bereits mit "Apocalypse No" gegen den Klimastrich bürstete, hat jetzt ein weiteres Buch veröffentlicht. Es gebe Wichtigeres als den Klimawandel, sagt der nordische Gelehrte und dürfte Rahmstorf damit reizen. Mit den Sitten der Klimaforscher ist Lomborg schon vertraut. Der IPCC-Chef Rajendra K. Pachauri verglich ihn einst mit Adolf Hitler.

Die Welt, 9. Oktober 2007

Labels:

Montag, 1. Oktober 2007

Islamratsmitglied hielt antisemitische Rede

Spiegel-Online
und die Reaktion einen Tag drauf:
Bakr Rieger tritt zurück

Labels: ,

Dienstag, 18. September 2007

Die invertierte Auschwitzkeule

Ein Buch ist in die Schlagzeilen geraten: Der Titel die "Israel-Lobby" der beiden US-amerikanischen Politikwissenschaftler John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt. Auch und gerade in Deutschland ist die Debatte darum, inwieweit es antisemitisch ist, in vollem Gange.

Gedankenspiel: In einer Debatte um Jugendkultur in Ostdeutschland darf der Begriff „rechtsradikal“ nicht benutzt werden. Wer nicht gerade Ortsvorsteher einer sächsischen Kleinstadt ist, dürfte das wohl absurd finden. Oder wie wäre es damit, in Zukunft in Aufsätzen und Reden zu den Zuständen in der Sowjetunion bis in die 60er Jahre den Begriff „Stalinismus“ zu verbieten – oder vielleicht in Stasi-Diskussionen. Ebenfalls absurd? Auch das dürfte eine satte Mehrheit so empfinden.

Man sagt, was man meint und man meint, was man sagt. Doch ein Begriff ist mit einem informellen Tabu belegt. Seine Benutzung wird zwar von Staats wegen nicht juristisch geahndet – wohl aber häufig in Zivilprozessen. Wer noch ernst genommen werden will, kann ihn kaum noch verwenden: „Antisemitismus“.

Antisemitismus ist ein Totschlagargument – aber nicht im Sinne der so genannten „Auschwitz-Keule“, sondern in deren Umdrehung. Das Herausarbeiten antisemitischer Denkmuster, Argumentationen und Motive ist deshalb so schwierig, weil Antisemitismus fast nur noch mit der Shoah verbunden wird. Dabei gehört er zur westlichen Kulturgeschichte und hat sich dabei immer wieder gewandelt: vom religiös motivierten Antijudaismus über den Antisemitismus völkischer oder rassischer Prägung bis hin zum Antizionismus, der eine Vielzahl der antisemitischen Klischees auf Israel münzt.

Antisemit zu sein, war vor dem Nationalsozialismus in etwa so spektakulär wie eine heutige Mitgliedschaft bei Hannover 96 und hatte eben noch keine Verbindung zu Massenmord und Rassegesetzen.Wer diesen noch nicht NS-monopolisierten Antisemitismus kennen lernen will, lese in Walter Boehlichs Briefesammlung „Der Berliner Antisemitismusstreit“: „Die Juden sind unser Unglück“, sprudelt es aus dem hochgeachteten Gelehrten und Hochschulprofessor Heinrich von Treitschke Ende der 1870er Jahre heraus. Ohne Scheu beharken sich im Gefolge öffentlich eine Hand voll Antisemiten und ein paar Nicht-Antisemiten und befassen sich mit den Juden, bevor sechzig Jahre später am Wannsee die „Endlösung der Judenfrage“ handfest angegangen werden sollte. Angst um seine Reputation musste keiner der Antisemiten haben. Dass dieser Tage im gutbürgerlichen Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf ein Streit um die Umbenennung der Treitschkestraße tobt und seit Jahren nicht zur Ruhe kommt, wirft auch ein Licht auf das Heute.

Warum sollte der große Baustein von Volkes Seele, der Antisemitismus heißt, einfach nicht mehr da sein? „Neo-Biedermeier“ geistert als Epochenbegriff gerade durch das schicke Berlin-Mitte. Darf es dabei nicht auch eine Portion Antisemitismus sein? 1945 wurden die NSDAP, KdF und die HJ entsorgt – aber doch nicht die Begeisterung für Massenbewegungen, Club-Urlaub und männerbündlerisches Gehabe unter Halbstarken. Warum sollte also der Antisemitismus tot sein oder nur noch von ein paar volltrunkenen Deppen in der Sächsischen Schweiz gepflegt werden, die sich keinen Club-Urlaub leisten können?Er lebt, man darf ihn nur nicht mehr so nennen.

Beispiel Stephen Walt und John Mearsheimer: Dass nicht sein kann, was nicht sein darf, dass nämlich zwei Forscher, die gerade einen Bestseller in die Regale geschoben haben, mit eben jenem Werk ein antisemitisches Compendium fabriziert haben, zeigt das mediale Echo auf eben jenes Buch „Die Israel-Lobby“. Beispiel Robert Misik in der taz: Im Gespräch mit Historiker Tony Judt, der bis heute sinistre Gestalten dahinter vermutet, dass er mal einen Vortrag nicht halten konnte, fragt er den sofort, ob denn jenes Buch eine „antisemitische Verschwörungstheorie“ sei. Antwort Judt: „Nein, ganz und gar nicht.“ Gut, dass wir drüber geredet haben. Danach kann der den wenigen, die es wirklich wagten, das Buch als antisemitisch zu bezeichnen noch attestieren, dass sie schon vorher gewusst hätten, was sie schreiben wollen.

„Anti-Ismus“ schreibt Josef Joffe in seiner Besprechung der „Israel-Lobby“ und bestätigt damit genau das Tabu, was er irgendwie bricht und irgendwie unangetastet lässt. Der Zeit-Herausgeber argumentiert und kommt zu dem Schluss, dass strukturell der Tatbestand des Antisemitismus erfüllt sei. Er schreibt es nur nicht.

Alan Posener wiederum sagt es, nämlich im Deutschlandfunk, entschuldigt sich aber sogleich dafür, indem er sich bezichtigt, unfair zu sein. Viele Monate zuvor bezeichnete Posener NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers mal als „gemeingefährlich naiv“ – freilich ohne Entschuldigung. Warum auch? Poseners Argumentation war so schlüssig wie die in Sachen Lobby.

Und auch Joffe ist sonst nicht bekannt dafür, passende Ausdrücke nicht parat zu haben. Das Gegenteil ist richtig.

Andere halten sich gar nicht mehr damit auf, der Frage nachzugehen, ob dieses Buch antisemitisch sein kann. Tenor der meisten Besprechungen: Walt/Mearsheimer stoßen eine überfällige Debatte an – so als habe noch nie irgendwo jemand was zu einer Israel-Lobby gesagt.

Antisemitismus ist ohne Nationalsozialismus in Deutschland nicht mehr denkbar. Antisemiten sind, so hat es den Anschein, höchstens noch ein paar Neonazis. Auch deswegen ist Henryk M. Broders „Ewiger Antisemit“ ein ewiger Skandal. „Linker Antisemit“ oder „nicht rechter Antisemit“ klingt für die meisten noch absurder als „freundliches Berlin“.

Es fehlt also ein Begriff, um ein wesentliches Gefühl, ein massives Ressentiment und eine vorhandene Strömung zu beschreiben. Mit der Beseitigung des Begriffs scheint das Problem entsorgt. Rechtfertigen müssen sich die, die auf latente oder manifeste Judenfeindschaft als Antisemitismus hinweisen und nicht die, die sich antisemitisch äußern. Martin Walser, Jürgen Möllemann und Jamal Karsli lassen grüßen. Ein Mechanismus wurde zur Strategie. Das lustvolle Brechen eines vermeintlichen Tabus mit anschließender Opferselbststilisierung. Bezeichnend, dass es fast immer Juden sind, meistens der Zentralrat, die antisemitische Einlassungen als solche kritisieren. Denn stört es die Mehrheit noch? Nein!

Die ist nämlich damit beschäftigt, Persilscheine auszustellen, wie Jörg Häntzschel in der Süddeutschen Zeitung. Die Washington Post schrieb „Ja, es ist antisemitsch“ zum Buch der beiden Forscher. Für Häntzschel ist das „polemisch“. Und Anti-Defamation-League-Chef Abraham Foxmann darf sich anhören, dass sein Vorwurf des Antisemitismus’ „schrill“ sei.

„Invertierte Auschwitzkeule“ könnte man dieses Spielchen nennen. Und so wird eben vom vermeintlichen Tabu der Kritik an Israel oder dem Zentralrat der Juden fantasiert und man bestätigt sich selbst – ob bewusst oder nicht.

Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul während des Libanon-Kriegs 2006 oder die Bischofsdelegation aus Deutschland, die neulich Israel besuchte, nutzten genau diesen Mechanismus.Wer soll das noch erklären können? Antisemiten gibt es schließlich nur noch versprengt und der Antizionismus ist nicht nur entnazifiziert, sondern gleich ehrbar und sogar Ausdruck eines progressiven, guten Gewissens. So einfach ist das, wenn einem die Worte fehlen.


Labels: ,

Mittwoch, 12. September 2007

Die rabiaten Methoden des Klimaforschers Rahmstorf

Sonntag, 2. September 2007

Sehnsucht nach Jubelberichten


Für ARD und ZDF hat es sich bislang in punkto Quote nicht gelohnt, den Tour-Schwerpunkt auf die Doping-Berichterstattung zu setzen. Viele Zuschauer sind genervt und zappen weg. Sie vermissen anscheinend die glorifizierenden Berichte aus der guten, alten Zeit.

"Tour bei der ARD zu sehen ist wie eine Fußballübertragung mit Ehefrau, die die ganze Zeit nur darüber philosophiert, wie primitiv viele Fußballer sind." Das sagt "supertester". Der ist Teilnehmer des Internetforums der Radsport-Zeitschrift "TOUR". Die Berichterstattung vom größten und bekanntesten Radrennen der Welt wird heiß diskutiert. Tenor: Die öffentlich-rechtlichen Sender, vor allem die ARD, vermiesen einem die Lust am Zusehen.

Das ist das Dilemma der ARD-Verantwortlichen. Nachdem der eigene Laden zur Blütezeit des Radsports nicht nur als Berichterstatter vom damals gar nicht so schmuddeligen Radsportzirkus, sondern sogar als Sponsor des Telekom-Rennstalls in Erscheinung trat, soll nun besonders distanziert und damit aufklärend berichtet werden. Die Tour 2007 wird genutzt, um zu zeigen, dass Radsportberichterstattung in der ARD wieder seriös ist; das weit weniger belastete ZDF verzichtet auf den geständigen Dopingsünder Rolf Aldag als Co-Kommentator.

Denn nicht nur die Sportler gerieten in der näheren Vergangenheit in Verruf. Die Fälle der ARD-Journalisten Jürgen Emig und Wilfried Mohren, die bei Radsport-Übertragungen häufig selbst am Mikro waren, liegen immer noch schwer im Magen. Gegen beide gibt es wegen Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit Sportereignissen staatsanwaltschaftliche Ermittlungen.

Dagegen wirken die Vergehen Hagen Boßdorfs wie eine Lappalie. Der ARD-Sportkoordinator und Fast-Sportchef beim NDR half Jan Ullrich beim Verfassen seiner Biografie, für die Deutsche Telekom moderierte er Veranstaltungen. Das war die Zeit, in der er mit der ARD den Doping-Experten Werner Franke verklagte, weil der den Sender als Komplizen im "Dopingsumpf" Radsport bezeichnete.

So wird die Tour 2007 zum kathartischen Großereignis. Der Sport demonstriert mit Selbstverpflichtungen, die drakonische Strafen für Dopingsünder vorsehen, dass nun aber auch wirklich alles sauber ist. Und das, nachdem doch schon die vormaligen Frankreichrundfahrten die jeweils saubersten aller Zeiten gewesen sein sollten. Und die ARD demonstriert, dass sie auch im Sportjournalismus die Spielregeln einhält. Emig, Mohren und Boßdorf sind nicht mehr in Diensten der Anstalt, und Urgestein Herbert Watterott hat seine Kommentatorenkarriere beendet - ohne Skandal.

So viel Reinlichkeit kann der geneigte Radsportfan offenbar nicht ertragen. Bei der ARD laufen die Zuschauer Sturm. Telefonisch hätten sich nach dem Prolog am Samstag viele beschwert, dass in jedem zweiten Satz das Wort "Doping" gefallen sei, erklärt die ARD per Pressemitteilung. In Internetforen fragen sich die Nutzer, warum das Rennen fast keine Rolle spielt und was der moralisierende Unterton der Reporter soll: "Heute habe ich mal auf ARD geschaut, bis gerade eben. Das ist ja echt krass! Da könnte man fast den Eindruck haben, die wollen den Sport kaputt berichten", sagt Nutzer "olemax" im "TOUR"-Forum.

Nach desaströsen Zahlen beim Prolog haben sich die Zuschauerwerte immerhin erholt. Die ARD hat auf die heftige Kritik an der Samstag-Präsentation reagiert. Die zweite Etappe am Montag sahen im Schnitt 1,2 Millionen Zuschauer, was einem Anteil von 10,1 Prozent entspricht. Das ist nur leicht weniger als in den Vorjahren. "Wir haben uns auf ein eher journalistisches Konzept verständigt", sagt Wolf-Dieter Ganz, Sprecher des ARD-Tour-Teams, zu SPIEGEL ONLINE. Es sei für die Kommentatoren ein "schwieriges Ding", die Faszination Radsport zu transportieren und dabei das Thema Doping nicht zu vergessen. "Dass man dabei keinen Spaß hat, ist klar." Viele Zuschauer sehen das auch so.

Beim Prolog am für die meisten arbeitsfreien Samstag waren keine zehn Prozent, umgerechnet 1,3 Millionen Zuschauer, dabei, während die Kommentatoren Florian Nass und Florian Kurz fast nichts zum Rennverlauf, aber eine Menge zum Doping sagten. Streckenweise wirkte die Übertragung wie eine Abrechnung mit Sportlern, die Interviews verweigerten oder dünnhäutig auf Dopingnachfragen reagierten - die derzeit natürlich nicht selten sind. Das fulminante Zeitfahren, das Andreas Klöden hinlegte, der sich bis zu seiner gestrigen Entschuldigung wenig geschickt vor den Mikros anstellte, wurde wortwörtlich "zur Kenntnis" genommen. Sein Team Astana steht bei der ARD unter Generalverdacht, wenn auch die Moderatoren das Gegenteil beteuern. Das ZDF präsentierte nach miserabler Auftaktquote von 820.000 Zuschauern (Sonntag) bei der gestrigen dritten Etappe mit immerhin 1,43 Millionen Menschen bessere Zahlen.

Eurosport vermeldet hingegen eine Verdreifachung der Zuschauer auf rund 340.000. Beim Spartensender sitzen Karsten Migels, Ulli Jansch und Andreas Schulz und machen das, was der Zuschauer offenbar erwartet, wenn er den Fernseher einschaltet um ein Radrennen zu sehen: Sie kommentieren das Geschehen auf der Straße.

Des Dopingarztes Eufemanio Fuentes' Frankenstein-Praxis und der Generalverdacht über dem Radsport werden zwar manchmal offensiv gemieden, indem man von "diesem unerfreulichen Thema" oder von "medizinischen Möglichkeiten" spricht, aber heute soll immerhin der im SPIEGEL umfassend Geständige Jörg Jaksche Studiogast sein. Dessen spanischer Kollege und Tour-Topfavorit Alejandro Valverde wird bisweilen "Piti" genannt. So heißt dessen Hund, und auf einer der Fuentes-Listen mit den Blutempfängern und -lieferanten steht "Valv.(Piti)". Valverdes Start bei der Tour ist deswegen hoch umstritten - wie auch die Übertragungen.


Spiegel-Online, 11. Juli 2007

Labels: ,

Samstag, 1. September 2007

Des Teufels Rabbi

Wenn Juden gegen Juden hetzen, freut sich das norddeutsche Internetportal «Muslim-Markt»

Feinsinnige Unterscheidungen hat Yavuz Özoguz auf dem Kasten. Sein Muslim-Markt, ein islamistisches Internetportal, unterscheidet zum Beispiel genau zwischen guten Juden und bösen Juden. Gute Juden sind die, die in ihrem Urteil über andere Juden nicht zimperlich sind, schlechte Juden sind hingegen fast alle – nämlich Zionisten, Israelis und sämtliche Diaspora-Juden, die nicht ihre Stimme gegen den «Pseudostaat» Israel erheben. Und was ist Özoguz nach eigenen Bekunden nicht? Richtig: ein Antisemit. Und um das zu demonstrieren, werden alle paar Wochen im Forum seines extremistischen Web-Angebots ‚User’ rausgeschmissen, die tatsächlich antisemitische ‚Postings’ verfasst haben, die sich aber nur in Nuancen von dem unterscheiden, was der Forenchef selbst verzapft.

Özoguz hat auch einen Lieblingsjuden. Das ist Moishe Arye Friedman. Eigentlich würde man dem nur attestieren, nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben. Doch mittlerweile ist der selbsternannte Oberrabbiner einer antizionistischen orthodoxen Gemeinde Wiens mehr als ein Ärgernis für die dortige Israelitische Kultusgemeinde. Der Mann ohne Rabbinerdiplom, dessen Gemeinde aus ihm selbst besteht, hat mit seiner Reise zu einem weiteren Judenfreund à la Özoguz, nämlich Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinejad (den Özoguz verehrt), nachhaltig Unruhe gestiftet.

Der Teheraner Auftritt Friedmans, der der iranischen Holocaust-Leugner-Konferenz ein koscheres Geschmäckle geben sollte, hatte für ihn den Rausschmiss aus der Wiener Kultusgemeinde zur Folge. Wegen «grob schädigenden Verhaltens» seiner Kontakte zu «geschichtsrevisionistischen, antisemitischen Kreisen» und «einschlägiger Äußerungen», wurde Friedman an die Luft gesetzt. Doch damit war das Thema für beide Seiten immer noch nicht beendet. Nun geht es um die Kinder.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Anlässlich der Iran-Eskapade ihres Mannes, verließ dessen Gattin Lea Rosenzweig ihn und eskapierte ebenfalls – in die Vereinigten Staaten. Vier schulpflichtige Kinder, die die Talmud-Thora-Schule Machsike-Hadass besuchten, nahm sie um die Jahreswende herum gleich mit. Vier Wochen dauerte es, bis der emsig um die Welt jettende Rabbinerdarsteller seine Familie wieder eingefangen hatte und Frau und Kinder wieder in Wien waren. Dass Zwang und Druck auf die Gattin nötig waren, weiß der Gassenklatsch rund um die Gemeinde zu berichten. Die Familie steht wegen ihres skurrilen Oberhauptes immer wie